Reisume

Zurück in Deutschland! Das bereits seit vier vollen Monaten. Die Zeit rast. In diesem Moment sitze ich in der Uni und versuche erneut mich an dem ehemals heiß von mir ersehntem Fazit.


Rückblick:
Im Zuge des größten Hoax unseres Lebens, vielleicht der Geschichte, einfach eine Woche früher, als angekündigt zurück zu kehren, erlebten Leon und ich zwei Wochen voller überraschter, verstörter, glücklicher, in Tränen ausbrechender Gesichter, von lang vermissten Freunden, welche uns Dank unseres plötzlichen Erscheinens in der Regel zu Mahlzeiten und Beers einluden, Streunerei, purer Euphorie über die Heimat, vorläufig gekrönt durch ein unvergessliches Southside, weitere Festivals sollten folgen. Extrem schnell waren wir beiden innerlich immer noch Reisenden, Interessantheitslevel +9, dann auch wieder unter der Haube, ich gründete umgehend eine neue Band, stay tuned, und fand bereits nach zehn Stunden im Lande einen Job an der Tanke. Erste Institutionen für ein geregeltes Leben wurden also recht schnell in Stand gesetzt.
Während Leons Ausbildung zum Photographen schon Ende August begann, waren mir ganze vier weitere Monate des ungeregelten Vagabundierens und des in den Tag hinein Lebens vergönnt.
Allerdings war der September bereits stark von der Organisation des Studiums beeinflusst, ein Alltagsgefühl kündigte sich bedrohlich an und mein Kopf musste langsam einsehen, so konnte es nicht für immer weitergehen. Verständlich, dass genau in dieser Phase durch gewollten Freizeitstress und Auskostung der heimatlichen Vorteile zurückgedrängtes Fernweh, Wanderlust, Panik durchbrachen.
Es machte mich ernsthaft aggressiv nicht mehr zwei Stunden lang frühstücken, nicht mehr stundenlang spazieren gehen zu können, hinzu kamen unzählighe Flashbacks. Daran hat sich nichts geändert. Ich vermisse den Scheiß.

Mit Beginn des sagenumwobenen Studentenlebens warten nun neue Aufgaben. Bereits nach den ersten beiden Wochen ist nun der erstaunte Blick, die Erschlagenheit und der permanente Ersti-wochen-Pegel verschwunden, Alltag greift schnell. Freilich verlaufe ich mich immer noch hin und wieder.
Die Transformation vom de facto obdachlosen Streuner, der Dreck fehlt mir manchmal, scheint gelungen, jawohl ich bin jetzt Student.
Das ist natürlich falsch. Einmal ein Reisender – Immer ein Reisender, da sind sich alle hier einig, denn natürlich wurde die Deutschenflut in Down Under auch von vielen meiner Kommilitonen gespeist. Es scheint als seien die Backpacker unter den Erstsemestern, sobald sie aufeinander treffen, sofort stärker verbunden, vielleicht auch nur, weil Australien das beste Small Talk Thema ist.
Ich bin mir sicher, dass auch in Zukunft, sollten mal Frust und Perspektivlosigkeit in Bezug auf Kommendes auftreten, ein Plausch mit einem anderen Ex-Backpacker, am besten mit einem, den man wirklich traf auf dem roten Kontinent, das Gegenmittel der Wahl sein wird.
So bildete das letzte Wochenende vor Vorlesungsbeginn einen perfekten Abschluss für 17 Monate ohne jedwede schulische Verpflichtung.

Recht spontan machte Gero sich allein, der Photograph war leider von der Ausbildung verhindert, via Fernbus auf den Weg gen Süden. Die verhältnismäßig winzige Strecke nach Nürnberg verging, gestählt im Nichtstun durch tagelanges Roadtrippin, tatenlos auf Campingstühlen sitzen und die Sleep Study, wie im Flug. Schließlich ein emotionales Wiedersehen, eine kreischende Lisa und eine kreischende Sally stürmen auf mich zu; Revival Time!
Als wären wir erst zwei Tage zuvor aus Cairns abgereist stellte sich umgehend der familiäre Vibe ein, Erzählen, Faulenzen und der Alkohol regierten. Hinzu kam, dass gleichzeitig zwei australische Freundinnen unserer besseren Hälften wiederum ihren Eurotrip verlebten und zu Besuch waren. Somit wurde vorwiegend Englisch gesprochen, was die Flashbackhaftigkeit noch ordentlich verschärfte. Am Morgen des letzten Tages konnte ich weder Deutsch sprechen, noch Denken, war instantly zurück im Australienmodus.
Auf der Rückfahrt geschah es wie von selbst, dass ich mich, selig durch all die platonische Liebe, den Schlafmangel, wirklich bereit fühlte den neuen Abschnitt meines Lebens anzutreten.

Die wichtigste Frage stellt sich wohl ob meiner Entwicklung, ein heikles Thema, kommt es doch gerade bei Auslandsaufenthalten in der 10. Klasse vor, dass die Freunde einen nicht mehr wieder erkennen oder man seine Freunde nicht mehr. Genau deshalb galt mir der Satz, den ich mehrmals hören durfte: „Alter du hast dich ja gar nicht verändert, also schon, aber du bist immer noch Georg.“, als das größte Kompliment.
Dennoch sind einige Veränderungen wohl doch drastischer, als sie auf den ersten Blick scheinen.
Ich bin selbstbewusster, offener, kommunikativer, zielstrebiger, organisierter, gehe schneller auf Fremde zu, bin Natur-verliebter, manchmal fast ein Hippie, mitunter noch nachdenklicher und in manchen Situationen etwas langsam. Tatsächlich verwandelte ich mich in einen furchtbar spontanen Menschen, habe auch konsequent zu viele Termine, die alle offen gehalten werden, bin immer noch auf der Jagd und ich kann mich nicht entscheiden, ich kann mich nicht entscheiden, ich kann mich nicht entscheiden und du bist Schuld.
Wirft man einen Blick auf die vor der Reise verfasste Liste mit Erwartungen und Zielen HIER, hat sich wirklich jede einzelne bewahrheitet. Na gut, na gut am Bartwuchs hapert es immer noch, obwohl ich mich nun sage und schreibe, jeden Tag rasieren muss...wicked! Nicht unerwähnt darf der Umstand bleiben, dass sich zahlreiche Anglizismen in meinen Wortschatz eingeschlichen haben, so viele, fucking annoying.
Die Reise bescherte mir außerdem einen großen Ordner voller Texte. Auch die wohl bedeutendste getroffene Entscheidung, nämlich Sowi anstatt Englisch zu studieren, stellte sich soweit als eine Gute heraus.

Schlussendlich kann ich sagen, nach Australien zu gehen, nicht sofort mit dem Studieren anzufangen, war wohl die beste Entscheidung meines adoleszenten Lebens.
Glücklich bin ich und bereue nichts, das sowieso nie!

Zuletzt möchte ich euch danken, treue Leser. Ihr habt uns auf diesem Abenteuer begleitet und wohl-informiert, hungrig wieder empfangen. Nichts lernt man in der Ferne so sehr schätzen wie Freunde. Auch alle Leser, die ich nicht persönlich kenne, es werden wohl nur eine Hand voll sein, möchte ich einmal kräftig herzen.
Jetzt seid ihr dran, bereist diese Welt, nehmt euch Zeit, lasst euch gehen, schreibt darüber!

„Eigentlich wollte ich mit einem gewitzten Zitat enden, aber beim durchforsten von Kladde und Blog stoße ich auf keines, das passt und werde nur wieder melancholisch.“ - Georg Gläser


In dem Sinne Cheers!



PS.: Mein Bruder hat uns wirklich bis vorgestern, als wir auflösten, geglaubt, dass es Drop Bears wirklich gibt. 

PPS: Die 12 Bilder meiner Kamera














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