Danke

Nachdem ich nun sowohl das kurz gesteckte Ziel, diesen Text innerhalb eines Monats nach Wiederankunft in Deutschland oder wenigstens zum Jahrestag unserer Abreise ans andere Ende der Welt fertig zu stellen, glorreich verpasst habe, sah ich das vor kurzem von meinem Mitreisenden veröffentlichte Resumé nun als Anlass, mich hinzusetzen und diese Zeilen zu tippen. 


Mehreren Nachfragen von ein paar passionierten Bloglesern (euch gibt es ja wirklich??) konnte ich bis heute entnehmen, dass sogar Interesse an diesem Post besteht. Dennoch wird dieser letzte Text hauptsächlich für mich sein, um mich noch einmal tiefgehend mit diesen neun unvergesslichen Monaten, dieser Reise meines Erwachsenwerdens zu beschäftigen. 

Noch einmal alles auf Anfang. Im Jahr 2012 entscheiden sich zwei Typen aus Bergisch Gladbach, nach ihrem Abitur eine Reise nach Australien anzutreten. Schon ein paar Jahre zuvor - nach einem zweiwöchigen Schulaustausch in besagtem Land - entstand diese wahnwitzige Idee in den Köpfen einiger glücklicher Auserwählter Neuntklässler des NCGs. Es stellte sich allerdings heraus, dass aus dem ersten G8 Jahrgang der Eliteschule (Achtung: Ironie) nur 4 Schüler diesen Traum wahr werden lassen sollten. 

2 dieser 4 waren Georg und ich.


Nun im Jahr 2013 angekommen und das Abitur hinter uns begann es nach und nach immer spannender zu werden. Es ging darum, Flugtickets zu buchen, zu planen, das Working Holiday Visum zu beantragen, zu planen, zu planen und zu planen. In meiner Erinnerung haben wir uns übrigens ca 5 Mal zum Planen getroffen, bei allen dieser 5 Treffen saß ich herum und hörte mir an, was Herr Gläser alles feines an Information aus den Tiefen des Internets zusammengesammelt hatte, stimmte dem meisten davon zu und lauschte dabei (damals noch äußerst unfreiwillig) dem Lärmen Georgs Lieblingspunkmusikern. Effektiv waren diese Treffen nie, bis außer vielleicht das eine Mal, bei dem wir die Flugtickets buchten.

Der Tag der Abreise kam näher, ich ging wandern. Der Tag kam immer näher, Georg schmiss eine große Abschiedsfeier, ich lag in Italien am Strand. Der Tag der Abreise war am nächsten Tag, Georg und ich machten die Nacht durch, auf Geburtstagen, Abschiedsfeiern von anderen Menschen, die nach Kanada aufbrechen sollten. Ich packte meinen Rucksack ein paar Stunden vor dem Flug und realisierte überhaupt nicht, was am Mittag des nächsten Tages auf mich zukommen sollte. 

Unser Konzept des Vordemflugnichtschlafens ging so gut auf, dass wir den Rückflug genau so bestreiten sollten. Aber so weit bin ich noch nicht.

Wir kamen nach einem laaaaangen Flug nachts in Melbourne an und sahen uns direkt mit dem ersten Problem konfrontiert: Bucht man in den billigsten Hostels, wohnt man meistens ganz weit draußen. Außerdem: Australische Straßenbahnen sind zu cool für Haltestellenansagen. 

Eine Odyssee durch Nacht und Regen mit schwerem Gepäck später standen wir dann vor unserem ersten Hostel, dem Pint on Punt. 


In der ersten Zeit gab es viel zu regeln, Bank, Mobiltelefon und Gehirn galt es in den Griff zu bekommen. Außerdem wäre ein Job doch ganz gut gewesen, startete ich diese Reise doch mit sehr knappem Budget.

Wie sich noch einige Male rausstellen sollte, war es mit die beste Entscheidung von uns, bei WWOOF mitzumachen und so für Essen und Unterkunft unsere Köpfe über Wasser zu halten. 
Direkt unsere erste WWOOFing Farm stellte eine der tollsten menschlichen Begegnungen auf der Reise für mich dar. Aufgenommen von Richard und Sally, auf die Hidden Farm, in ein zweites Zuhause am anderen Ende der Welt.

Generell kann ich behaupten, dass ich nicht eine einzige wirklich schlechte Erfahrung im Umgang mit Menschen gemacht habe in 9 Monaten weitem Reisen. Sieht man mal von den australischen Polizisten ab.
Ohne auf die Hippieschiene abdriften zu wollen möchte ich hier an dieser Stelle betonen, wie viel Zuneigung, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Liebe, Offenheit, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Kreativität, Intelligenz, und Wärme ich auf meiner Reise erfahren habe. 
Wenn man in eine fremde Stadt fahren möchte, einem kurz vorher das Auto kaputt geht, knapp eine Minute hilflos am Straßenrand steht und sofort 3 fremde aber dir helfende Menschen um dich herumschwirren, dir der Mechaniker anbietet, dass du in seiner Werkstatt schlafen kannst, wenn du sonst keine Unterkunft hast, sich 10 eigentlich wildfremde Menschen verschiedenster Nationen abends zwischen Abendessen und Schlafengehen auf einer Rest Area zum thailändischen Federfußball-Spielen zusammenfinden und die Hostelbesitzer deiner Lieblingsunterkunft dich so sehr ins Herz schließen, dass sie für dich und deinen Mitreisenden ein halbes Schwein auf dem Grill garen und dir Abend für Abend Bier  und Goon ausgeben, dann fängt man automatisch an, offen und unbefangen, voller Interesse auf fremde Menschen zuzugehen und viel entspannter im Umgang mit diesen zu sein. 
Diese Veränderung in mir ist wohl das größte, was ich von unserer Reise mitnehme. Diese Veränderung konnte ich sofort in den ersten Wochen und Monaten meines Wiederzuhauseseins immer wieder feststellen und alleine deswegen bin ich so froh, nach Australien gegangen zu sein!


Aber nicht nur diese Veränderung sehe ich in mir. Es hat sich viel getan, in der Art, wie ich die Welt sehe, wie ich in der Welt bin, wie ich auf das Leben an sich blicke. Sagt man doch so oft „das Leben ist so, wie es ist, es kommt, wie es kommt“, dann denke ich nun wirklich so. Diese Floskeln lassen sich wirklich einfach über die Lippen bringen, es hat aber diese Reise gebraucht, damit ich die Bedeutung dieser Worte wirklich verinnerlicht habe. Mein Chef (ja ich habe mit meiner Ausbildung begonnen) hat mir folgenden Spruch gesagt 


„Das Leben ist, wie es ist - nicht, wie wir es gerne hätten. Das zu akzeptieren ist der Schlüssel zum Glück.“


Als ich über diese Sätze nachdachte, fiel mir auf, dass ich genau so lebe. Und es fiel mir auf, dass ich glücklich bin. Wirklich glücklich. Mit der Art, wie ich bin, mit der Situation, in der ich stecke, mit meinem Leben.


Rückblickend lief in Australien alles gut. Egal, wie wir dachten, dass nun etwas passiert sei, dass unsere Reise mit Sicherheit beenden würde (Auto kaputt 1, Auto kaputt 2, kein Job), es lief immer alles viel besser, als wir gedacht oder befürchtet hatten. Auch diese Erfahrungen lassen mich nun viel entspannter mit unerfreulichen Situationen hier in Deutschland umgehen. Wenn etwas nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, denke ich mir „Egal, du kannst eh nichts dran ändern.“ und es geht mir besser.

Auch auf der praktischen Seite des Lebens habe ich viel dazugelernt. Ich war so viel draußen, wie noch nie zuvor, habe mit meinem Mitreisenden allen Wettern (außer Schnee und Eis) getrotzt und das mehr oder minder gut ausgestattet. Ich kann auf hartem Boden und durchgelegenen Matratzen mit Bettwanzen in einem Raum schlafen, habe mehr Ahnung von Autos und der Natur. Bin geschickter geworden und vielleicht sogar ein bisschen intelligenter (bei so vielen klugen Köpfen, die ich traf und einem Mitreisenden wie Georg wäre es auch komisch, wenn nicht). Eine neue Sprache habe ich zwar nicht gelernt, dafür kommt mir Englisch inzwischen fließend aus dem Mund, Sprachbarriere Fehlanzeige. Das mit der neuen Sprache hole ich momentan nach und lerne Spanisch.

Ich möchte hier an dieser Stelle allen Menschen danken, denen ich auf der Reise durch Australien begegnet bin. Ihr habt jeder für sich einen kleinen oder großen Beitrag zu einer der schönsten Zeiten meines Lebens geleistet und mich dadurch zu dem Menschen gemacht, der ich nun bin. Egal, ob wir viel miteinander erlebt haben, oder uns nur ein paar Tage flüchtig kennenlernten, ich denke an jeden einzelnen von euch immer mal wieder, an ganz bestimmten Augenblicken. Ich bin wirklich froh, euch getroffen und meine Zeit mit euch geteilt zu haben.


Außerdem geht ein großes Dankeschön an die Menschen, die zu Hause auf mich gewartet haben, meine Familie und deren Unterstützung, die Freundschaften, die die lange Zeit ohne wirklichen Kontakt überstanden haben, die tollen Personen, die mir immer wieder mit Mails oder Anrufen oder kleinen Nachrichten aus Deutschland eine riesige Freude beschert haben (ich denke, hier fühlt sich jeder, den ich meine, angesprochen und weiß auch, was ich damit meine).

Zum Schluss möchte ich meinem Mitreisenden danken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in dem Moment, in dem ich dies hier schreibe, so gerührt und sprachlos bin, aber ich bin es. Ich weiß, dass ich ohne dich niemals eine so unvergessliche Reise hätte erleben können. Ich bin immer noch fasziniert, wie du es mit mir so lange Zeit auf so engem Raum ausgehalten hast und dass wir es geschafft haben, uns 9 Monate nicht zu streiten. Wie wir uns ergänzt haben ist bemerkenswert. In den richtigen Situationen haben wir uns ausgeglichen oder übereingestimmt und so einen Trip erlebt, den selbst die besten Drogen nicht bescheren können. Ich möchte nicht, dass das ganze hier wie ein Liebesbrief klingt aber dem Grunde nach ist es genau das. Ich danke dir aus tiefstem Herzen für die Zeit und ich hoffe, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren werden, sondern weitere verrückte Aktionen starten werden, wie acht Stunden Marek Hemmann hören und dabei durchs Outback fahren, oder 9 Stunden vor einem großen Stein in der Wüste sitzen, oder 21 Kilometer in Vans wandern und dabei einen Berg besteigen mit keinerlei Verpflegung. Ich habe so viel mit dir erlebt, das kann man nicht in Worte fassen und auch keinem anderen wirklich beschreiben, der nicht dabei war.





Nun ist bei mir inzwischen der Trott des Alltags eingetreten und ich habe meine Ausbildung begonnen. Ich mache genau das, was ich liebe und wo ich mir sicher bin, dass es das ist, was ich auch in 20 Jahren noch tun möchte. Aber wer weiß schon, was das Leben noch so bringen wird. Ich gehe in die Schule und arbeite 9 Stunden am Tag. Ich bin glücklich verliebt und verbringe meine Freizeit mit den Menschen, die ich liebe.
Und gerade bin ich schon ein wenig wehmütig, wenn ich daran denke, dass das hier das letzte Mal war, dass ich für unseren heißbegehrten Blog (Achtung: Ironie) einen Text verfasst habe. Aber wie sagt man so schön auf Englisch? 

Everything has an end but the Wurst has two.


x (#nonohomo)



P.S:  Außerdem denke ich, dass ich eh niemals alle Gefühle und Erfahrungen in einen läppischen Blogpost schreiben könnte. Das zu versuchen, wäre auch komisch und unangemessen.

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