8000km - 1 Roadtrip

Prolog für Stan

Das letzte Wochenende in Stanthorpe stellt einen der emotionalsten Höhepunkte der Reise dar
und markiert somit perfekt das Ende der wohl intensivsten Phase unseres Trips, der Zeit in Stan.
Nie zuvor lebten wir einen derart absurden Lifestyle wie diese Mischung aus illegal campen - trotz unglaublich hohem Einkommen - malochen und feiern, Riesencommunity im einsamen, aber Backpacker-geflutetem Bergdorf. So bot auch das Ende der finalen Woche alles von Abschieden, Rausch, Liebe, über Wasserfälle, Dinnereinladung, Mädchenfilme, Denkmälerbau, Packen, bis hin zum ersten Arztbesuch in Australien wegen der ersten Zecke meines Lebens, welche ich mir auf der ersten Goa die ich besuchte (endlich!) zuzog.
Mit der Hoffnung auf das Fortsetzen dieser Gypsie-Tales im Herzen ging es also los, auf zum finalen Roadtrip.

Eastcoast

Wie beginnt man also einen Roadtrip am besten? Richtig, man chillt erst einmal zwei Tage in einem Hostel in Brisbane und vertreibt die Zeit mit Shopping, Organisation und dekadent Frühstücken, nebenbei ist man plötzlich ein Jahr älter oder so. Viel bedeutender war allerdings der Umstand, dass  auf Meereshöhe tatsächlich immer noch der Sommer herrschte. So waren 800 Meter tiefer immer noch nächtliches Schwitzen, was ich nach dem, wenn auch leichten, Frieren tatsächlich begrüßte, Strand und Sommermode angesagt. Allerdings durften wir bereits am ersten Abend nach dem wahrhaftigen Aufbruch erfahren, was der tropische Sommer noch mit sich brachte: Mosquitos, doppelt so groß wie gewöhnliche Mücken in doppelt so großen Schwärmen. Diese konnten uns durch Stanthorpe geformte Dandys allerdings weder den Anblick der Glass House Mountains, noch das für einen Roadtrip viel zu erlesene Dinner madig machen.
Zerstochen wie Christiane F. und auch nicht weniger euphorisiert ging es dann des nächsten Tages hoch auf zwei Lookouts und so nahe wie möglich an die ehemaligen Vulkane heran, die man aufgrund von steten Steinschlägen nicht erklimmen darf. Während die massiven Lavakerne stehen bleiben, wird der sie umgebende Sandstein nämlich von der Witterung langsam abgetragen.


Eine Nacht und nur 70km später wurde die ihrem Namen alle Ehre machende Sunshine Coast erreicht. Sie bescherte uns den ersten Strandtag seit einer Ewigkeit, welcher mir zeigte mittlerweile wirklich ein richtiger Meernochmehrliebhaber geworden zu sein. Noch nie fühlte ich mich so wohl in den Wellen, es war, als breche zwei Monate angestaute Freude aus mir heraus. Ebenso vermisst worden aber, war das Roadtrippin selbst. Laute Musik, warme Energydrinks, Kekse, Kaffee, der in Queensland sogar alle paar 100km von freiwilligen Lionsclubgeschwadern (dazu später mehr) als „Free Driver Reviver“ auf Rastplätzen verschenkt wird, Geschwindigkeit und einfach pausenlos tausende Impressionen, ein Natur-Architektur-Zeitraffer-Kinofilm. Man hält bei ein paar Ruinen an, bei „Scenic Lookouts“, bei Hungry Jacks und an anderen bezaubernden Orten, wie dieser eine, der der Insel aus One Piece ähnelt, wo alles langezogen ist, ihr wisst...
Tags darauf wehte uns der Fahrtwind nach Rainbow Beach, wo wir wiederum von den stärksten uns je begegneten Wellen umgefegt wurden, einen weiteren Tag voller Blutergüsse, Zerrungen, Schrammen und Glückseligkeit am Strand verbrachten. Die Schönheit des Dead Ends und anscheinend most upcoming Ferienspots wurde bloß durch seine schiere Überfülltheit etwas getrübt. So glich ein befahrbarer Strandabschnitt einer 4-Wheel-Drive-Messe, womit er sich nicht merklich von der Straße unterschied, denn die Aussies belassen es Ostern nicht bei ein wenig Eiersucherei, sondern suchen das Abenteuer, fahren natürlich, wie an jedem anderen Feiertag auch, campen. Dafür ist für den Durchschnittsaussie folgendes unabdingbar: 4WD+Caravan, Boot, Fahrräder, Angeln, Jetski, Surfboard, Cricket Set, BBQ, Bier.
Vor allem wegen letzterem ist eine große Polizeioffensive zu Ostern hier Tradition. Hinter jeder Ecke befindet sich eine Radarfalle, Patroullien-Präsenz ähnlich hoch wie in China – na ja fast –. Zur Erinnerung: Nicht nur zu Ostern haben dich die Cops in Australien schon bei 5km/h zu viel an den Eiern. So was konnte uns natürlich nicht passieren, waren wir doch notorische Limitunterschreiter, allein um unsere alte Lady zu schonen und Sprit zu sparen. Doch in diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, gegen das die USA mitunter fast wie Preußen wirkt, ist alles möglich.

Introducing: Das Slowing Ticket

Bin im Recall, Bitches!
Nachdem man Blutalkohol, Führerschein und Rego sorgfältigst überprüfte, alles einwandfrei, man uns 20 Minuten auf Wiese/Highwayseitenstreifen warten ließ, zu Gunsten zahlreicher Steinschläge, wir heftiges Kopfzermatern, Telefonate, konspirativ wirkendes Unterhalten beobachten konnten, teilte man uns schließlich mit, dass zu langsames Fahren eine sehr große Gefahr darstelle und überreichte einen goldig-gelben 110$ Strafzettel. Besonders belustigend wirkten in diesem Zusammenhang die für den Streckenabschnitt spezifischen Verkehrsschilder, man solle auf langsame und landwirtschaftliche Fahrzeuge Rücksicht nehmen. Bereits 9000km hatten wir zu diesem Zeitpunkt unserer Reise 80-fahrend zurückgelegt, waren auf 100km-Highways so vor, neben, hinter der Polizei gefahren. Seither hat sich diese Anektdote, nebst der Sache mit dem Feuer zum absoluten Schlager entwickelt und bringt uns, wohin wir auch kommen, gröliges Gelächter und Mitgefühl ein.
Jedenfalls war die friedliche Strandspaziergangsatmosphäre begleitet von Deep House durch Leons
neue Perle, Mrs. Bag of Riddim Marley, des Morgens in Harvey Bay restlos hin. Auch nicht so schlimm, Hass ist ein guter Coach auf dem Highway. Somit wurden am nächsten Tag 800km durchgeballert, die nichtssagenden, fast identischen Städte Bundaberg, Mackay, Rockampton geflissentlich vorbeiziehen gelassen, sodass wir abends bereits in Airlie Beach Einzug hielten.

Schon im Vorfeld hatte ich mir sagen lassen, Airlie könne Byron Bay fast das Wasser reichen.
Der erste in Sonnenuntergangsstrahlen getauchte Eindruck des Städtchens bestätigte dies vollkommen, auch hier wurde das Erscheinungsbild geprägt durch Backpackerhorden, funky Läden und die Bucht. Jedoch geht es ein wenig gehobener zu, dafür weniger Hippies. Wir zogen hier in ein Hostel, denn Wikicamps zeigte uns den nächsten vor Rangern sicheren Schlafplatz in 70km Entfernung an. Besagtes Hostel mutete recht seltsam an, war es doch eine Mischung aus Foodcourt, Parkhaus und dazwischen Zimmern, sodass der „Aufenthaltsraum“ eine geflieste Fläche in Mitten einer Art Mall war; Hauptsache ein Router. Flugs wurde eine Tour, die einzige von uns angetretene Tour, zum Schnorcheln am Great Barrier Reef gebucht, dessen Erkundung uns ebenso am Herzen lag wie die des Outbacks, die Ortschaft durchschlendert, woraus für Leon ca. 1234 neue Kleidungsstücke resultierten, während ich erneut nichts fand. Zum Schluss unseres Bummels sollte uns die erste Pizza in acht Wochen erwarten. Außerdem erwarteten uns zufälligerweise zwei bekannte Damen aus Sydney, deren Kompanie erst für Cairns ausgemacht war, vorm Dominos, wo auch sonst. Unter großem Jubel wurden Einkäufe getätigt und Pläne für den Abend geschmiedet, es sollte versucht werden uns auf eine After-Tour-Party einzuschleusen. Vorher aber versammelten wir uns für eine Männerrunde aus Zimmergenossen auf dem Hostelbalkon, deren Hauptinhalt die Geschichten eines Enddreißigers waren, wie man ihn nur in Australien treffen kann. Der Herr saß den lieben langen Tag mit Kaffee und Kippe auf eben diesem Balkon, Zeit totschlagen bis zum Verfall seiner 40.000$ Schulden bei Polizei und sämtlichen Banken, hatte nebenbei noch ein leichts Alkoholproblem. Als das wohlige Setting langsam zu kippen drohte, brachen wir in Richtung Campingplatz der Ladies auf, wo sich eine kleine Gruppe von der schlechten Party geflohener Menschen einfand. Als wir irgendwann nur noch zu viert waren, kamen wir, mit deutlich geringerem Alkoholpegel, als Sie, liebe Leser nun wohl denken, auf die glorreiche Idee im seit fünf Stunden geschlossenem Pool ein Bad zu nehmen. Prompt folgte die nächste prima Idee: „Lass mal nass in Unterwäsche die Hauptstraße entlang laufen.“ Gesagt, getan, die drei ungewohnt fast nackten Menschen und der gewohnt fast nackte Georg machten sich auf den Weg, auch hier dabei Mrs. Marleybox. In dieser Aufmachung trafen wir überraschte, schockierte, vor allem erfreute Bekannte wieder. Was soll ich sagen, wir beiden Jungspunde wurden noch vor den Damen angebaggert...von zwei älteren Herren, die uns schon einige Stunden zuvor angetan gemustert hatten. Während wir als Kölner derartiges ja gewöhnt sind, stand eine unserer Begleiterinnen kurzzeitig unter Schock, Avancen einer flüchtig Bekannten bekommend.
Fazit: Wer minimalst bekleidet und nass mit etwas Techno im Hintergrund durch Partymeilen läuft, wird für gay gehalten.
Mit einem Kater und nur vier Stunden Schlaf eine Bootsfahrt anzutreten ist keine gute Idee dachten wir, stimmt aber gar nicht, denn dem verkaterten von uns beiden ging es nach ein wenig frischer Seeluft wieder prächtig. Ich hingegen wurde spätestens seit der Durchsage „Sorry guys, there's some emotion in the ocean.“ langsam aber sicher vom starken Seegang dahingerafft, wie dutzende weitere Personen. Nach Schweißausbruch, Schüttelfrost, Schwindel, erlösendem Erbrechen lag ich schließlich an Deck, unfähig mich zu bewegen, bleich wie ein Zombie, wo ich einen sichtlich überraschten Leon Woermann wiedertraf, seinerseits frisch wie Menthol. Als ich mich bereits im Erholungsprozess befand, gingen kurzzeitig fast die Kotztüten aus, sodass die Crewmitglieder, welche mir gerade noch halfen, ihre nun selber fast bis zum Rand füllen mussten.
Das Erreichen des fest installierten Piers bedeutete Erlösung von meiner Seekrankheitspremiere. So saß ich also nun da: Kopf – müde, Magen – leer. Es verstand sich also, dass ich sofort ins Wasser ging 2,5 Stunden bis zum Mittagessen ohne Pause schnorchelte, danach noch einmal, und wirklich, sobald das Riff, dieses größte lebendige etwas in mein Blickfeld rückte, mutierte mein Körper zum fittesten der Welt.
Viel mehr zum Tag gibt es eigentlich nicht zu sagen, außer dass es atemberaubend (lustig, unter Wasser) schön war. Erst wenn man es sieht, erkennt man, es handelt sich nicht um ein paar zusammengewürfelte Korallen, sondern wirklich um ein großes Ganzes.
Schon ging es weiter nach Townsville, wesentlich aus Tankstellen, Hungry Jacks und Tankstellen bestehend, wo wir außer tanken und etwas bei Hungry Jacks speisen wenig trieben, lediglich noch die „Einfahrt ins Outback“ auskundschafteten. Besonderer Charme wurde diesen 24 Stunden durch meine Angeschlagenheit verliehen, ja so lange brauchte es, mich krank zu machen, den ganzen Tag nämlich war ich extrem stumpf.
Als letzter Zwischenstopp vor dem vorläufigen Ziel Cairns war Mission Beach angedacht. Die Regel „ Der Weg ist das Ziel“, welche roadtrippin sowieso pausenlos in Kraft ist, zeigte sich auf diesem Abschnitt noch einmal ganz besonders. So wechselten sich hier die beruhigenden Zuckerfelder, welche seit über einer Woche fast pausenlos unseren Weg säumten, mit Regenwald ab. Dieser wurde freilich nach Ankunft durchstriffen, wenn auch nur auf Wanderwegen, bis der starke Regen nicht mehr aufhören wollte. Glücklicherweise fanden wir in der Nähe eine völlig einsame, doch luxuriöse öffentliche Toilette inklusive Dusche und Strom, welche wir überfallartig besetzten, laut Musik hörten, zum Lego Movie dinierten. Ab und an bekamen wir Besuch anderer Reisender, sich wortlos damit abfindend die andere Seite zu benutzen. Einer pfiff während des Duschen pausenlos zu unserer Musik, heimatliche Stimmung in unserem AZ.
Nach einer letzten lächerlich kurzen Etappe kamen wir schließlich gesund und munter in Cairns an.

Autonomes Zentrum Mission Beach

Wir sind Arschlöcher geworden

Praise the Lord!, wir sind noch keine kompletten Misanthropen geworden, nur ein wenig selektiv, denn nach sieben Monaten als Backpacker hat man ein sehr gutes Auge dafür entwickelt, mit wem man sich anfreunden möchte und bei wem es keinen Sinn hat. Da muss man sich freilich wie ein Arschloch fühlen, sobald man beginnt die Eastcoast, welche nach Mallorca langsam zur zweiten deutschen Kolonie der Nachkriegszeit ausgebaut zu werden scheint, hoch zu roadtrippen. Jeder deutsche, junge, reiche 08/15 Backpacker hat nämlich ein striktes Tour-Programm abzuhaken:
Fraser Island, Whitsundays + Barrier Reef, Skydive, Kanutour, Camper mieten, einmal kiffen in Nimbin, im YHA wohnen, deutsches Bier trinken (vorallem Exportschlager Oettinger), den „Ayers Rock“ maximal mit einer Tour für ein paar Fotos besuchen. Das ist ja alles erst mal nicht schlimm, viel mehr unser Problem, dass wir uns nicht mit Touren anfreunden können, anti sein müssen, auf eigene Faust agieren, mit dem Risiko flirten. Tatsächlich trafen wir sogar viele bezaubernde Menschen, die Touren besuchten, doch es gibt wirklich eine Sorte Touristen, mit denen wir uns einfach nicht verständigen können, da auf beiden Seiten absolutes Unverständnis herrscht, wobei ich nun mal in den Raum stelle, dass wir nur Arschlöcher wurden, da man auf unsere Pläne zuerst verstört reagierte. Warum auch sollten wir Fraser Island haten, es muss echt schön dort sein. Horden dieser „Ist es sinnvoller mit einem Koffer oder Rucksack zu reisen?“-packer trifft man natürlich an den Spots, von wo aus die populären Touren starten, wie Rainbow Beach, Hearvey Bay, Airlie Beach, Cairns. 

Eine Anekdote:
Wir sitzen in Rainbow Beach am Public BBQ, um unser Faulheitsmahl Tuna Corn Beetroot Sandwiches einzuschmeißen, ein Gleichaltriger sitz seinen Reis kochend neben uns. Er trägt ein Deutschland-Trikot, eindeutiges Merkmal dieses Stammes. Deshalb versuchen wir uns auch verschwiegen zu geben, keinen Augenkontakt aufzubauen, Backpacker Smalltalk zu umgehen. Ein weiterer Stammesangehöriger, wohl der Jäger des Gespanns, kommt mit gegrilltem Chicken wieder. „Und wann geht eure Tour ?“, fragt er wie aus dem Nichts. „Garnicht“ antworten wir „Sind nur auf der Durchreise.“ Nach langem Schweigen folgt ein „Okaaaaay, was macht ihr dann so, Whitsundays auch nicht?“ Nachdem wir begeistert von unseren Plänen erzählen, das Outback zu durchfahren, von der Suche nach Abenteuer und Gefahr, vom größten Roadtrips unseres Lebens, bekommen wir als Antwort: “Schon ein langer Weg, ich meine ist ja nurn Stein und aufm Weg irgendwie ist da ja nichts, also nichts, ist doch voll langweilig dann. Wir sind hingeflogen und ja war cool, aber ist halt n Stein.“ „Wir mögen Steine.“ worshippen wir und erklären darauf hin, dass es ja gerade das Nichts ist, welches wir erfahren wollen, geflohen vor allem, komplett frei, pure Inspirationsquelle und stellen die Gegenfrage wo sonst man wohl das Nichts erleben könne. Unsere Gegenüber gucken wie unser Tuna, wäre er noch an einem Stück, nuscheln etwas und beginnen ihr Geflügel zu verspeisen. Nach einer langen Denkpause, voller sichtbarer Anstrengung, wie man eine Unterhaltung anfangen könnte, versucht es diesmal der Reisbeauftragte und adressiert uns Alternative gefuchst mit dem Topos-Topic schlechthin und aufgehellter Mine: „ Habt ihr auch Gras gekauft in Nimbin?“ - „Nein.“
Vermutlich kam sich unser Gesprächspartner ziemlich verarscht vor, wie all die anderen Pot-Pioniere, Shit-Suchenden, Mary Jane Manhunter, die uns im Laufe des Working Holidays nach Informationen oder Kraut selber ersuchten, oder fragte sich was, denn dann passiert sei mit uns Outback-Jüngern in den komischen (Vintage-)Klamotten. Jedenfalls hatte sich mal wieder eine unerwünschte Konversation von selbst gegen die Wand gefahren.
Sind wir Arschlöcher, nur weil wir versuchen diese offensichtliche Stille, der Sorte „Wir-sind-nicht-wie-ihr“ zu vermeiden?

Vermutlich ja.

Zwei Lieblingszitate noch:

Adelaide: „Es ist langweilig!“
Great Barrier Reef: „Hab keinen Nemo gesehen, hab keine Dori gesehen, voll die Verarsche das Riff.“

Cairns - Gooncity

Da waren wir also nun in diesem sagenumwogenen Backpackerloch. Wir wurden nicht enttäuscht, checkten wir doch umgehend in das skurrilste Hostel welches uns je unterkam ein, das Asylum. Für 15$ pro Nacht bekam man Pay TV, Pool, Kaffee, Internet an einem communal Computer und eben alles Standardmäßige. Diese „Irrenanstalt“ bot Platz für über 150 Gäste, war zusammengeschustert aus vielen kleineren Gebäuden, vulgären Schildern, Bras, einem Aquarium, einer Katze, einem nicht funktionierendem riesigen Bierkühlschrank, einem Papagei, öffentlichem Internetcafe, Zeltfläche, einer Gruppe betagter durchtrinkender Langzeitbesucher, dem Quotenschwulen und natürlich der Crew, welche vor allen, bereits um 9:00 Uhr morgens zur Flasche griff; Credo: Gammeln den lieben, langen, tropischen Tag! Dieser Vibe färbte selbstverständlich auf die „Patienten“ ab, wobei wohl jeder, der jemals in dieser Hüpfburg einer Unterkunft eincheckte, mit Alkohol und Nichtstun kein Problem gehabt haben kann, hat ja so oder so fast niemand.
Die zweite Impression von Cairns war ein Obdachloser, der in einem Hauseingang, wie eine gebärende Frau liegend, urinierte, uns, seinen Penis in der Hand haltend, treuherzig anblickte. Direkt daneben befand sich ein Park voller obdachloser Abos. Fuckin hell, diese Gemeinde schien nur aus Hängern und Backpackern zu bestehen. Tatsächlich ist sie nebst Sydney und Melbourne der beliebteste Startpunkt für einen Working Holiday, sowie Dreh und Angelpunkt für Outback-, Rifftouren und bietet den höchsten Skydive des Kontinents an. Erwartungsgemäß trafen wir an jeder Ecke zahlreiche Bekannte aus Sydney, Brisbane, Melbourne, Adelaide, Stanthorpe, Airlie Beach, selbst Riddle's Creek.
Ebenfalls erwartungsgemäß wurden wir eingesogen wie nichts.
Vier volle (also ganze) Tage verlebten wir in Gooncity, wo das Gesöff übrigens erst nach 16:00 Uhr verkauft werden darf, an drei kann ich mich nicht komplett erinnern. Hier muss natürlich die besondere Gabe des Goon angemerkt werden. Australiens beliebter Zaubertrank aus Wein und Spuren von Milch, Nüssen, Eiern, Fisch kann nämlich schon nach dem Konsum geringer Mengen wahllose Schnipsel aus der Erinnerung entfernen. Es gibt keinen Blackout, sondern nur Fetzen, teilweise sogar in der Gegenwart, nicht erst am nächsten Morgen, man vergisst somit mitunter in Echtzeit. Einst trafen wir einen jungen Herrn, der wohl einen gesamten, aktiv verbrachten Tag seines Lebens vergessen hat, weiß er aber nicht genau.
Nebst drei immer ausrastenden Dortmundern, einem von Piraten besessenen Mädchen, seit drei Jahren on the run, dem merkwürdigsten Paar aus Pro-gamer-Ami und Taiwanesin aus dem GoNowFamily Brisbane, verbrachten zwei bereits erwähnte Ladys die meiste Zeit mit uns, ja in diesen Paar Tagen verwandelten wir uns in eine Art kleine Familie.
Während man auf Reisen unzählige flüchtige Bekanntschaften abhakt, funkt es bei den richtigen Menschen dafür extrem schnell, wie wir es bereits mit unseren Waldorf-Soulmates in Stanthorpe erlebten. In den folgenden Schilderungen sind wir ab Mittags (Definitionssache) immer zu viert von der Partie.

More or less schlagendes Herz der Stadt ist das Gilligans, selbst von verheirateten Männern auf Rastplätzen 2000km südlich empfolen, der größte Club inklusive Wetshirtcontest, inklusive Jellyfight, inklusive Wrestling Games, inklusive Hostel. Direkt am Anreisetag wurde gestürmt, instant Graus folgte; einziges Mittel dagegen, Abspacken. Uns blieb eben nichts anderes übrig als für drei Stunden (danach wiederholten sich sowieso einige Lieder) derart auszurasten, bei jedem Lied „Das ist unser Lied!“ zu grölen, zu twerken, den Roboter, Tennisspieler, Pantomimen, Ägypter, Schwimmer, Posaunenspieler, sämtliche anderen Trashmoves auszupacken, dass um uns herum jeder komplett belustigt, abgefuckt oder zumindest verwirrt war. Wie ich mich davon abhielt randomly zu versuchen ein Pit zu starten ist mir entfallen.
Nach Kater, Frühstück, Stadtbummel, Botanic Gardens Besuch, erfrischenderweise wurden mal wir kutschiert, startete auch schon das Hostel BBQ, sich zu einem stumpfen Goon-Banquett a la Lieblingsbackpackers Sunny's hochschaukelnd.
Nach Kater, Frühstück bei Dominos startete nichts mehr außer Wäsche waschen und dem Wiedersehen der Mitüberlebenden des Grasfeuers von damals.
Abend Nummer vier, der letzte, musste offensichtlich wieder ins Gilligans führen, nachdem nachmittags die Suche nach einem gewissen Wasserfall kläglich scheiterte. Allerdings ist fraglich warum man uns in unserem Zustand überhaupt noch hineinließ, vermutlich, weil es unglaublich leer, der Jellyfight ein schlechter, fader Witz war. Bereits hier trennten sich die Wege der glorreichen Vier. In die Woolshed schafften wir es immerhin noch zu zweit, wobei es nicht lange dauerte bis man sich aus ungeklärten Umständen verlor. Es folgte eine Odyssee durch das überfüllte Lokal, bis ich mich entschloss zum Obdach zurückzukehren, kein Problem Dank meines vielmals von Leon Woerman gelobtem Orientierungssinns, um zu Bett zu gehen. Kurz führte ich noch ein paar angeregte Unterhaltungen, woraufhin man den Beginn des frustriendsten Bayernspiels seit langem proklamierte, welches ich dann im Halbschlaf verfolgte. Um halb sieben geht man nicht mehr schlafen, sondern kann die Zeit auch sinnvoll nutzen, seinen Rucksack einräumen, ebenso das Auto. Des Weiteren duschte ich ausgiebig, so heiß und lange, dass mein Kreislauf fast komplett kollabierte, was sich anschließend gut mit Kaffee ausgleichen ließ. An solch lieblichen Morgenen wird man fast noch poetisch:

Morgens in Cairns

Von Georg Gläser

Irgendwie hab ich zu viel Goon getrunken.
Hab irgendwie Gedächtnislücken und versuche
Mich zu erinnern, während ich Kaffee trinke,
Den ich gerade irgendwie gemacht habe.
Soeben duschte ich sogar,
Nachdem ich eine gefühlte Stunde lang mein Handtuch suchte,
Welches weg war, irgendwie.
Der Hostelangestellte macht wieder irgendwelche Geräusche.
Mein Kaffee wird irgendwie kalt.
Ein Mädel, mit dem ich mich spät gestern im Suff noch unterhielt, lächelt mir zu,
Wirkt etwas peinlich-belustigt, irgendwie.
Irgendwie will mir zu gestern immer noch nichts Rechtes einfallen,
Irgendwie vielleicht besser.
Die Muster aus Milch und Kaffee bringen mich zum Lachen, wie immer, irgendwie,
Genauso wie die Musik, die ich gerade irgendwie anmachte,
Bonaparte und irgendwie jetzt Green Day geshuffleterweise.
Irgendwie wischt der alte Mensch immer die Tische.
Irgendwie gibt’s nichts besseres als Musik.
Irgendwie gibt’s nichts in meinem Kopf.
Irgendwie ist Goon in den letzten Tagen echt zum Problem geworden,
Vielleicht Wochen,
Vielleicht schon immer.
Vielleicht bin ich das Problem
In den letzten Wochen,
Vielleicht schon immer.

Schließlich gesellte der verlorengegange Travelmate sich, ebenfalls mit Kaffee ausgerüstet, an den Tisch, pure Freude, man ist nicht alleine fertig as fuck. Vier Stunden am Tisch verstreichen wie ein von Asiatenhand gepflückter Bucket Tomaten. Es folgt ein sehr emotionaler Abschied von unseren beiden nicht besser und nicht schlechteren Hälften nach zwei weiteren Stunden Nichtstun in Zimmer 121 des Gilligans. Amüsant war der Plan anschließend noch eben zurück nach Townsville zu tingeln, alles einzukaufen, nach dem Aufstehen ins Outback einzudringen. Wider Erwarten schafften wir es bis nach Townsville, wenn auch nur mit Sekundenschlafwegschlafpause und unter Aufgabe der Einkaufunternehmungen. Erneut nahm uns der Freudenhain Hungriger Jakobus auf, der selbe Rastplatz wurde angesteuert, die Augen schnellst möglich geschlossen. Auf Morgenmahl, folgte Einkauferei, tja nun sollte es losgehen.
Beim letzten Kaffee in der Zivilisation wurde mir doch etwas mulmig, das größte Abenteuer meines Lebens startete genau...jetzt!

Outback Experience

Bereits kurz nach Überschreiten der Stadtmauern Cairns, wurden wir von einem Gefühl der Leichtigkeit erfüllt, welches sich zwar in Townsville wieder abschwächte, aber auf der Auffahrt des Flinders Highways umgehend zurückkehrte, sich zwei Wochen lang unaufhörlich steigerte.

Outback Day 1

Von Georg Gläser

Eine Straße
Eine Stromleitung
Ein Gleis
Drei Häuser, eine Tankstelle:
Ein Dorf - hin und wieder
Cirruswolken
Erde
Gras, welches immer trockener wird, je weiter gen Westen man fährt
Bäume, die in gleicher Richtung immer mehr an Größe verlieren
Kadaver
Kreisende Greifvögel
Lastwagen – Züge
Autofahrer, die sich durch das Recken des Zeigefingers grüßen
Sehen bis zum Horizont
Alles verschwimmt in der Ferne
Alles verschwimmt in meinem Kopf
Positives
Deep House, nicht der Hauptgrund, Freiheit ist es
Oh, Freiheit


Außer dem herrlichen Erlebnis einfach durchs Nichts zu fahren, bescherte uns der Weg bis nach Alice nur wenig Markantes. Zum einen wären da der White Mountains National Park, samt Lookout, in dessen Sandstein sich seit Dekaden Entdecker verewigten, so auch wir, zum anderen Mount Isa, Minenhauptstadt, dessen Ortseingangsschild uns zu „real Aussies“ erklärte. Des Weiteren crossten wir das Ufo-Capitol des Landes und zahlreiche Dörfer der Größe 100- Einwohner. Diese kleinen Ortschaften hegen oft den Anschein komplett vom Lions Club besessen zu werden. Überhaupt drängt sich einem, wenn man lange durch Australien fährt, die Frage auf, wann dieser Verein seinen finalen Putsch starten wird. Keine Institution ist mit Abstand so gut vernetzt wie die Löwen, von denen Restareas, Parks, Driver Reviver, Campingplätze, etabliert, Spendengalas, Dorffeste, zahllose Initiativen ins Leben gerufen werden.
Zuletzt sollten wir noch eine wichtige historische Lektion in Tennant Creek erhalten (s. One Mistake).
Verstörenderweise waren die Straßen des Outbacks besser als sonst irgendwo im Lande, auch gesäumt mit Tankstellen (längste Distanz: 260km), somit überraschte es uns, als wir Alice Springs schließlich erreichten, nicht dass die Outbackzentrale alles zu bieten hatte, jegliche Franchise-Unternehmen auf dem Plan standen, unser gigantischer Wasser- und Benzinvorrat komplett müßig war. Unbeeindruckt zogen wir nach 30 Minuten weiter, um den Tag damit zu verbringen die achterbahnartigen Pisten des MacDonnell Nationalpark entlang zu brettern, begleitet von Noisia, Zomboy und Netsky. Dieser Gebirgszug besteht aus zahlreichen Bergen, die alle so wirken, als seien sie eines Tages einfach in die Wüste geschüttet worden, auch ein wenig wie riesige Tausendfüßler anmutend.


Am 5/5/14 erreichten wir endlich den Uluru Kata Tjuta Nationalpark, dessen Besuch mit einem regulären Ticket auf drei Tage limitiert ist. Auf! Hieß es also, einmal herumwandern um den Stein, nachdem wir uns aus beeindruckter Ohnmacht freikämpfen konnten. Den Aufstieg schenkten wir uns, weniger aus Respekt vor Aborigines und ihrer Religion und als Zeichen gegen die ekelerregenden double standards des Parks, bestehend aus Schildern „Bitte aus Respekt nicht besteigen“, aber in den Rock gehauenen Ketten, um den Aufstieg zu erleichtern, als eben aufgrund besagter Ketten und Pfeiler. Allein die Vorstellung: „Das ist also der größte Stein der Erde...ey lass mal Pfosten reinhauen.“ könnte nicht absurder sein, finde ich. Anschließend begaben wir uns zurück zur Restarea, unmittelbar vor dem Schutzgebiet, wo wir nicht nur gratis wohnen konnten, sondern auch von einer roten Sanddüne aus den Sonnenuntergang samt Uluru und Kata Tjuta aus bewundern.
Nach frühem Erwachen sollte ein ganz besonderer, ja noch besonderer als jeder andere Tag im fucking Outback, folgen. Wir ersuchten einen der beiden Aussichtspunkte nämlich nicht nur des Sonnenaufgangs wegen, nein wir hatten uns vorgenommen einen gesamten Tag im Antlitz des roten Giganten (ist es ein Ufo, ist es der versteinerte Stumpf des Baumes der Erkenntnis?) zu chillen. Bei Ankunft tummelten sich ca. 250 Touristen in der ausgeschilderten Area, um Fotos zu schießen und kurze Zeit später wieder zu verschwinden. Während des gesamten Rest des Tages, den wir mit bewundern, starren, Photographie, Poesie, lauter Musik (Highlight Pink Floyd), kochen, einfach normalem Schaffen an einem wundervollen Ort verbrachten, verirrten sich nicht einmal zehn Menschen zum „Sonnenaufgangs-Ausguck“.





 

 Tag drei führte nach Kata Tjuta, „Olgas“, sagt der Weiße, von denen weder Leon noch ich jemals zuvor gehört hatten. Man stelle sich aus ähnlichem Gestein wie die Hauptattraktion bestehende, ebenfalls riesige Felsbrocken vor, die an Köpfe, aber unweigerlich auch an Brüste erinnern. Zwischen diesen kann man umherwandern, bis man auf meinem absoluten Lieblingsort des Landes, soweit ich es kenne, stößt. Dort steht man zwischen zwei Brocken, wie in einer Schlucht und hat diesen unglaublichen Blick in ein vom Menschen unberührtes, grünes Tal, im Hintergrund weitere Felsen. Mir fällt nun auch wirklich keine nähere Beschreibung ein, es war einfach zu stunning, auch will ich kein Bild von Google einfügen, nichts wird diesem Blick gerecht. Sowieso können wir diesmal nicht mit Bildmaterial um uns schleudern, denn einige Teile der Steine darf man nicht fotographieren, was Leon logischerweise dennoch tat, aber publizieren geht nicht. Jedenfalls machten sich die beiden frühen Vögel nachmittags noch auf, um einen Blick in das Ayers Rock Resort zu wagen, vornehmlich für eine Ladung Sprit. Leicht verstörend wirkt das Gras, grüner und weicher als in einigen Parks der Hauptstadt, der Glanz, der normalpreisige IGA schon, wenn man bedenkt, dass man sich mitten in der Wüste befindet. Auf dem Parkplatz des Supermarkts dann die nächste verstörende Erfahrung, zwei aufrichtige Bürger, so akkurat, es hätten Deutsche sein können, teilten uns das Nummernschild einer Frau im 4WD mit, der die freshen Schrammen in unserem Wagen zuzuschreiben waren; Fahrerflucht. Freudig rief uns die Frau des hilfreichen Paares noch hinterher „Dann könnt ihr euch Geld von der Versicherung wiederholen!“ - „Haha jaaaaaaa...“. Wir natürlich Unversicherten, sind ja Backpacker, trollten uns umgehend zur Polizei, wo ein hochmotivierter Officer uns die Möglichkeiten aufzählte, jeden seiner zehn Sätze mit „Njaaa ist eure Sache, aber ich würd einfach weiterfahren.“ beendete. Da uns sowieso nichts anderes übrig blieb, folgten wir der subtilen Botschaft des Cops, schliefen auf einer Baustelle, waren in der Frühe die ersten Besucher am Kings Canyon, erklommen diesen noch vor dem Frühstück. Auf diese Weise konnten wir den Sonnenaufgang genießen, konnten unbehelligt abseits des Weges umherkraxeln, am Abgrund hängen, Könige der Welt sein. Hierher wollen wir beide eines Tages, unabhängig von einander, zurückkehren.
Nächster ersehnter Halt der Expedition war Coober Pedy, bekannt für underground living. Dieser Immobilientrend entwickelte sich wie die gesamte Stadt aus der Suche nach Opalen. Jeder hat eine eigene Mine, direkt angeschlossen an sein unterirdisch in den Fels gefrästes Eigenheim, 100km Umkreis der Stadt ist Wasteland voller Löcher und Erdhaufen, 80% der Läden verkaufen die gleichen Souvenirs, sowie Opale, steuerfrei zu erwerben sind Opale, heruntergekommene Menschen und Straßen, wichtiger sind Opale, Kultur: Opale, Opale. Nichts desto Trotz herrscht in diesem wortwörtlichen Loch, wie bereits in Mount Isa ein fast romantischer Wildwest Flair. Außerdem ließen wir uns nicht die Möglichkeit nehmen auf dem welteinzigen unter der Erde gelegenen Campingplatz zu nächtigen, im Zelt, 6,5m unter Fels; Heringe nicht nötig.
Auf die letzte lange Fahrt, folgte die vorletzte, mit Abstand schlimmste Nacht, während wir das Schlafen ohne Matratze mit der Zeit wirklich genossen, im Auto. Wir waren naiv genug für die Ruh bereits in die Flinders, ein weiteres sehenswertes Gebirge, zu fahren. Um vier Uhr morgens hatte es dann ca. 3 Grad, was uns in unseren Sommerschlafsäcken, Confortable Temperature 11 C, erwachen und vier Stunden in einer Art Kältekoma, schlotternd leiden ließ. Australien ist überhaupt sehr bergig, doch vielleicht scheint es auch nur so, einfach weil wir viel herumkamen. Im Nationalpark angekommen, wurde kurzerhand, trotz der Horrornacht und einem mageren Brekki aus jeweils einer Scheibe Peanutbuttertoast und drei Weet-bix, der Plan gefasst den höchsten Gipfel der gesamten Landschaft zu besteigen. Es winkte ein unbefestigter Wanderweg, nur durch Pfeile lose definiert über Stock, vor allem Stein, 21km (inkl. Rückweg), 700 Höhenmeter, 9 Stunden.
Gesagt, getan – in Vans.
Unsere größte Belohnung neben dem Weg selbst – wie eh und je – und einem Mahl aus Energydrink und Crackern, war der Ausblick über die kompletten Flinders Ranges. Nach einer gediegenen Weile mit Bedächtigkeit, Freiheit, dem Gefühl unzerstörbar zu sein und sechs anderen Menschen, stiegen wir flugs wieder hinab, waren glücklich wie sonst was, erschöpft genug die letzte Nacht des Leben im Auto zu verbringen.
Selbst auf einem einsamen Berggipfel in Australien sind 5/8 Menschen deutsch.






One Mistake

Den gesamtem finalen Roadtrip über lief alles mal wieder perfekt, genügend ausgerüstet, besonders mit Ruhe und Zeit, können wir uns vorwerfen kein Risiko eingegangen zu sein, keinen Fehler, bis auf einen.
Nahe Tennant Creek trug es sich zu, dass wir mit der stetig verlässlichen Hilfe von Wikicamps einen ganz herrlichen Schlafplatz samt Duschen, BBQs und einem See, jawohl einem See mitten in der Wüste, fanden. Kurz vor Dämmerung kreuzte ein Polizeiauto auf, zu dem ich hineilte um mich obligatorisch wegen Übernachten zu erkundigen. Einer der zwei Beamten antwortete folgendes:
It's not save here. At night there'll be gangs of young Abos. They gonna flat your tires, rob you, rape you and kill you.“
Obwohl man immer wieder, sei es von Locals oder Backpackern, Geschichten über Wegelagerer-Banden aus einem Dutzend Aborigines hört, kam uns diese Schilderung doch leicht hyperbolisch vor. Dennoch beschlossen wir den Platz zu räumen, zur nächsten Restarea zu kacheln. Dafür mussten wir durch die Stadt hindurch fahren, den elendigsten australischen Ort, den wir zu Gesicht bekamen; hunderte Verwahrloste auf den Straßen, Bottleshop bewacht von Security und Polizei, mehr als normale Wildwest-Atmosphäre – Armut.
Nach einer Stunde fahrt durch Dunkelheit, auf die Straße gelaufene Rinder, erreichten wir endlich das Ziel. Just im Moment des Aussteigens konnten wir zwei sich nähernde Gestalten erkennen, ein älteres Paar australischer Ureinwohner. Sie seinen liegengeblieben, bräuchten nur ein kleines wenig Benzin, gleich hinter der Brücke stünde ihr Auto, wenn wir mitkämen, könnten wir uns selbst ein Bild machen, die anderen Camper würden nicht antworten. Abrupte Mulmigkeit. Stoisch beharrten wir mehrfach darauf, leider kein spare Benzin dabei zu haben (20L lagerten im Kofferraum), machten es uns darauf erstmals in den Vordersitzen, in Kleidung, Wertsachen am Körper, Lageplan möglicher Waffen zur Verteidigung im Kopf, Schlüssel griffbereit, 1. Gang drin, ready to go, völlig paranoid und schlaflos, gemütlich. Anhand von Lichtern und Geräuschen konnten wir nach geraumer Zeit ausmachen wie den in Not geratenen dann geholfen wurde. Schlechtes Gewissen strikes: „Fuck. Fuck! Fuck fuck fuck fuck. Fuck!“. Ausgerechnet wir, die so viel Gutes erfuhren, die so viel laberten von Karma, Nächstenliebe, der Mitnahme eines neuen Vibes ins vergleichbar lieblose Deutschland, hatten versagt, waren rassistischem Gelaber seitens Dorfbullen und unserer eigenen Angst aufgesessen.
Tragischerweise handelten alle beteiligten absolut klischeehaft.
Natürlich waren beide Abos betrunken, natürlich erzählten sie uns als erstes, dass das hier ja ihr Land sei. Obwohl sie das Land seit Generationen kennen, bekamen sie es nicht gebacken genügend zu tanken.
Natürlich waren wir nach Backapckerstories, Polizeivortrag und Szenerie todesverängstigt, nicht erpicht darauf mitten im Nichts ausgeraubt zu werden. Dabei spielte freilich keine Rolle ob uns Alkoholiker-Abos oder Alkoholiker-Aussies gefragt hätten, Durst braucht Geld um gestillt zu werden.
Natürlich wird es erläuterte Fälle gegeben haben, natürlich ist es öde in solch einer Stadt, dass es sicher erfrischt ein paar mehr oder weniger naive Backpacker zu erschrecken, vielleicht gehört der örtliche Campingplatz auch dem Neffenbruderonkelvettercousinvatermutterkind und der Mann wollte etwas „Brutales Marketing“ anleiern. An Klassischer Dorfpolizei Alles-ist-so-wichtig-und-krass-wie-ich-Attitüde mangelte es natürlich auch nicht.
Gerade auf dem Lande kann man den immer noch triefenden Hass fast allgegenwärtig spüren. Sei es in Form von fast flächendeckender Drogensucht der Aborigines (in Gegenden wo viele dieser leben, wird sogar unschnüffelbares Benzin verkauft, so gravierend ist es), in Form fragwürdiger Cops, in Form arroganter Camper, wie die Mitnächtigenden, welche sich am nächsten Morgen über das bedürftige Paar lustig machten.

Es ist nicht unser Kampf, Deutschland hat genug zu tun, mit vernünftiger Aufklärung dem Vergessen des Holocaust entgegen zu wirken, dennoch machte, macht dieses hautnahe Erlebnis dieser tief klaffenden Narbe Australiens, wie man sie auch in jeder Art Gallery hier vergleichbar easy serviert bekommt, betroffen. Es scheint wenig Änderung in Sicht.


Welcome Home

Fast schon ein emotionaler Moment, die letzte Nacht im Auto, wonach wir einen Tag früher als angekündigt im Sunnys aufschlugen. Mit einem „Welcome home! You're back again.“ begrüßte man uns. Die beiden Waghalse sind also wieder daheim, darauf gefasst mies zu hängen, darauf hoffend ihr Auto zu verschachern, ein bisschen Alltag, ein bisschen Sport, Wiedersehen, Feiern gehen (Zeds Dead schauen vorbei!), vor allem etwas runterkommen.

Bis Bald! ♥

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