Malochen in Stanthorpe

„My life as I live it at the moment is just one big quickfix“


Wir haben eine neue Krankheit.
Ihr Name lautet: Arbeit.

Unser nächstes Ziel nach dem paradiesischen Byron Bay war Stanthorpe. Der National Harvest Guide hatte uns dort nämlich Arbeit im Agrarsektor versprochen. Aber dies tat er ja auch damals, am Anfang unseres Road Trips, damals im Riverland. Haha. Trotzdem sagten wir uns: den Versuch ist es wert und wenn wir auch dort nichts finden sollten, wwoofen wir halt ein weiteres Mal. War ja stets ganz nett gewesen, das Wwoofen.

Auf dem Weg von Byron Bay (das von einigen Australiern als Drogenhauptstadt Australiens gepriesen/verschrien wird) nach Stanthorpe lag – mehr oder weniger direkt – Nimbin, das von einigen Australiern als Drogenhauptstadt Australiens gepriesen/verschrien wird. Eigentlich recht komisch, das ganze, waren wir doch damals in Renmark, um festzustellen, dass dieser Ort von einigen Australiern als Drogenhauptstadt Australiens gepriesen/verschrien wird. Wenn ich jetzt gerade mal über das alles nachdenke bin ich reichlich verwirrt und so sind die ganzen Drogen auch schon wieder überflüssig.

Aber um wieder auf das Thema zurückzukommen, wir machten also den Umweg, verlängerten die Autofahrt um einen Tag, um sagen zu können, uns wären in Nimbin an der Straßenecke Mushrooms angeboten worden. Wie schon im vorigen Blogeintrag behandelt, Nimbin, die Kommune, die nach dem Aquarius-Festival inmitten der Great Dividing Range (einem Gebirgszug, der das queensländische Innenland vom Küstenstreifen trennt) bestehen geblieben ist. Die Kommune, in der die Polizei den Drogenverkauf toleriert. Nach dem Einkauf im Tourishop von der netten Dame hinter der Theke ein paar Cookies angeboten zu bekommen ist schon seltsam. Aber interessant.
Trotzdem blieben wir nur einen Nachmittag dort und gaben uns nicht der Versuchung hin, im Hostel dieses von Bergen eingeschlossenen Idylls zu versumpfen, sind wir doch anscheinend die einzigen Backpacker, die nicht zum Kiffen nach Oz gekommen sind. Wir sind zum Arbeiten hier, weswegen wir am nächsten Tag auch in Stanthorpe ankamen.
Stanthorpe, das pulsierende Herz des Granite Belt, eines der Anbaugebiete für Obst/Gemüse Australiens. Stanthorpe, das 5000 Seelendorf. Stanthorpe, der Ort mit dem bisher einzigen funktionierenden Harvest-office, wie sich sehr schnell herausstellen sollte.

Kaum angekommen betraten wir dieses nämlich sofort, füllten einen Bogen aus, auf dem wir das übliche Blabla über unsere Person, sowie unsere Farmskills (bei denen wir ein bisschen schummelten und aus viermaligem Tomatenpflücken vom Privattomatenbusch der Familie unserer letzten Wwoofingfarm – schwupps – dreiwöchige Tomatenpflückerfahrung machten) angeben sollten. Das Schummeln war anscheinend erfolgreich, bekamen wir am selben Abend noch eine SMS, dass wir am nächsten Tag um 0545 auf einer Tomatenfarm mit Pflücken anfangen könnten, sofern wir das wollten. Natürlich wollten wir und so waren wir flott im Bett (bzw Kofferraum), um noch genug Schlaf zu bekommen.
So sollten die nächsten zwei Wochen für uns aussehen: um spätestens 20h ins Bett, da es dann eh dunkel war – ja, der Herbst hat in Australien Einzug gehalten – und morgens um 4h raus aus den Federn. Dann war es natürlich auch noch dunkel und so lernten wir, unser Auto auch in tiefster Finsternis gut und schnell umzuräumen. Ich bin mir sicher, dass wir dies nun auch mit geschlossenen Augen tun könnten, wenn wir wollten. Wollen wir aber nicht. Macht ja keinen Sinn, das Ganze.

Wir machten uns also um Viertel nach fünf in der Früh auf, um im Dunkeln nach einer Farm zu suchen, die wir vorher noch nie gesehen hatten und die auch auf Google Maps nur vage zu erahnen war. Diese erste Hürde nahmen wir aber mit Leichtigkeit und verfuhren uns nur einmal. Eine starke Leistung für uns. Unser Arbeitsweg führte vom Highway auf eine miese kleine Straße, die dann auf eine Schotterpiste führte, die schließlich auf eine noch schotterige Piste mündete, mit der wir dann durch Schlaglöcher, die locker tief genug waren, um dort einen Fußball drin zu verstauen, und über Wiesen zum Parkplatz unserer neuen Arbeitsstelle.
Auf diesem Parkplatz hatte sich bereits eine prächtige Ansammlung verschiedenster Backpackerautos eingefunden, gespickt von ein paar Modellen, die ganz sicher „normalen“ Menschen gehören mussten (daran zu erkennen, dass ihnen der Platz zum drin schlafen fehlte).
Bevor wir mit unserer Arbeit beginnen konnten, mussten wir ein richtiges Formular ausfüllen, bei dem wir unseren richtigen Namen und unsere richtige Passnummer und viele andere Dinge richtig angeben mussten. Das schockte uns schon, war es doch bei unserer ersten Pickerfahrung nach dem Motto „huschusch, fangt endlich an zu arbeiten, eure Identität ist nicht so wichtig, wie die Birnen, die ihr hier pflückt.“ gelaufen. Wir bekamen sogar eine Art Arbeitsvertrag! Zumindest mussten wir unterschreiben, dass es für uns ok ist, mies bezahlt zu werden. 1.8$ pro mit Tomaten gefülltem 20 Liter Eimer, um genau zu sein.
Berauschend war diese Aussicht nicht, aber lieber schlecht bezahlt, als gar nicht bezahlt.

Nach einer kurzen Einführung, die mit der Frage „Ist jemand von euch farbenblind?“ begann, bei der Georg sich still schämend im Boden versank, ging das Ganze dann auch schon los. Es wurden Teams gebildet, für uns ganz praktisch, waren es doch 2er Teams. Jedes Team bekam eine Reihe Tomaten zugewiesen und ab ging die Post!
Während ich zwar langsam begann, dann aber stetig schneller wurde, hatte Georg mit seiner Rot-Grün-Schwäche zu kämpfen. Ich selber kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man grüne Tomaten von roten unterscheiden soll, da man nur die roten pflücken darf, denke aber, dass dies relativ bekackt ist. So kam es jedenfalls in den Erzählungen meines Mitreisenden rüber und es fiel auch schon relativ bald auf, dass Herr Gläser etwas langsamer im Picken war, als ich.

Wie darf man sich Tomatenpflücken vorstellen?
Man bekommt seine eigene Reihe zugeteit. Der eine nimmt die linke Seite der Line, der andere die rechte. Man nimmt sich ein paar 20 Liter Eimer mit. Man startet. Man sucht den Busch von oben bis unten nach roten, teilweise roten, teilweise teilweise roten und fast ganz grünen Tomaten ab (manch einer pflückt auch grüne Tomaten und hofft, nicht entdeckt zu werden, dies haben wir aber nicht getan. Georg schon manchmal, allerdings nicht absichtlich. Daran war seine Farbenblindheit Schuld.). Dabei hat man seinen Eimer vor sich und ist die gesamte Zeit über nach vorne gebückt. Hat man ca. 1 Meter des Busches abgesucht, dort alles gepflückt oder nichts gefunden, macht man einen Schritt weiter und startet das Spiel von vorne. Dies tut man so lange, bis das Ende der Line erreicht ist. Dann bekommt man eine Neue zugewiesen. Das alles läuft so lange ab, bis die Farm leer gepickt ist.



















Durch das ewige Gebücktsein und den 20 Liter Eimer, den man die ganze Zeit mit sich herumschleppen darf, stellen sich nach einiger Zeit (ca 10 Minuten) leichte bis sehr starke Rückenschmerzen ein, mit denen man dann den Rest des Tages kämpfen kann.


Da das ganze pro gefülltem Eimer bezahlt wird, gibt es niemanden, der einem sagt „komm Jung, mach mal was schneller!“ (außer der eigenen Stimme im Kopf natürlich, die so viel Geld wie möglich verdienen möchte). Trotzdem waren stets ein paar Quality Assurance Manager unterwegs, die mal hier mal dort stichprobenartig in Eimer geschaut haben, ob man nicht nur grüne Tomaten pflückt, und auch die Reihen stets inspizierten, damit auch jede ansatzweise rote Frucht gepickt wurde. Also bestand kein Druck von Seiten des Arbeitgebers, eine bestimmte Menge zu pflücken. Das hieß, Pausen konnte man sich selber einteilen, man konnte mit Kollegen reden, Musik hören, essen und zur Not auch einfach nach Hause fahren, oder gar nicht erst morgens aufschlagen. Jede Minute, die man nicht arbeitete, ging ja vom eigenen Lohn ab. Die durch diesen Fakt herrschende entspannte Arbeitsatmosphäre wurde nur von den bereits beschriebenen Rückenschmerzen gestört. Und vielleicht durch die Tatsache, dass unsere asiatischen Kollegen nur so durch die Reihen zu rennen schienen – natürlich dabei pflückend -, so locker das 3 Fache von uns zusammenpickten und dadurch dann auch ernsthaft Geld in diesem Job machten. Wir eher weniger. Liegen unsere Pflückrekorde bei 45 (L) und 44 (G) schaffte die Pflücklegende, ein kleiner Asiate, der schon seit 30 Jahren nichts anderes tat, als Obst und Gemüse zu pflücken, an einem der besseren Tage 150 gefüllte Eimer. 150 mal 1.8$ kann jeder selber ausrechnen, dabei kommt aber doch ein recht stolzer Tageslohn bei rum. Unser täglich nach Hause gebrachtes Geld lag im Durchschnitt zwischen 30 und 50 Dollars. Wenig, dennoch mehr, als wir je machten auf australischem Boden (sieht man von Georgs Sleep Study ab).
So euphorisiert, dass wir doch nun endlich ein Einkommen hatten, liefen wir nach dem ersten Arbeitstag in den nächsten Supermarkt und kauften alles, was es zum Leben braucht:

Schwämme, Trockentücker und Bananen. Kurzum, alles drin für ein gutes Leben.
Ach ja, Eis gab es ja auch noch.
Den Abend schlossen wir mit einem Besuch des einzigen Fast Food Ladens Stanthorpes ab, Red Rooster. Red Rooster ist die australische Version von KFC. KFC gibt es in Down Under trotzdem und auf irgendeine Art und Weise schaffen beide Ketten es, sich über Wasser zu halten.

Die Nacht verbrachten wir – aus trotz Einkommens mangelnden Geldes (und auch ein bisschen bis sehr viel Zigeunerei) – auf der Rest Area, die am Highway direkt nach Stanthorpe liegt. Nicht nur diese Nacht sollten wir dort verbringen, eine weitere und noch eine und noch eine folgten. Und noch eine. Und noch ein paar mehr, bis wir dann am Ende insgesamt länger als einen Monat dort nach getaner Arbeit unser Auto parkten, kochten, uns unter dem Wasserhahn wuschen und in unserem Kofferraum schliefen. Die „No Camping. Max. Fine: 1500$“ Schilder ignorierten wir dabei geflissentlich.

Tut einer den ersten Schritt, ist es für andere nicht mehr so schwer, zu folgen. So ähnlich lief es bei der Rest Area ab. Irgendwann stellte sich noch ein zweites Backpackerauto dazu und immer wieder hielten andere Reisende an und fragten uns, ob es möglich sei, hier für eine Nacht zu schlafen, ohne dass die Polizei einem ein Knöllchen verpasse. Wir konnten irgendwann antworten „Hey, alles easy hier, wir wohnen seit drei Wochen hier! Gesellt euch zu uns.“
Viele der Gäste blieben nur für eine oder zwei Nächte, sei es der Durchreise oder schlicht den mangelnden Nerven geschuldet, direkt unter einem „Wir knüpfen euch 1500$ Dollar ab, wenn ihr hier pennt!“ Schriftzug schlafen zu können, aber nach und nach sammelten sich nebst uns noch andere permanent Residents an. Zur Hochsaison befanden sich 16 Backpackerkarren auf dieser doch sehr kleinen Rest Area, in denen je mindestens 2 Rucksackreisende lebten. Da ging die Post doch ganz schön ab und es entstand nach unserer Arbeit oder an freien Tagen eine nette Community. Man teilte sein Essen, lieh sich Hab und Gut und saß beisammen, tauschte Geschichten und Tipps aus, spielte sogar vietnamesisches Federfußball zusammen.
Nach und nach bildete sich innerhalb dieser Community eine wirkliche kleine Rest Area Family. Diese bestand aus uns beiden, drei Briten und der spanischen Freundin eines der Briten. Wir befanden uns alle in etwa auf der selben Wellenlänge, hatten ähnliche Ansichten, Interesse an einander und dementsprechend gute Gespräche.

Während unsere Zeit in Stanthorpe also immer besser wurde, da wir immer mehr Menschen kennenlernten, mit diesen z.B. angeln gingen und Stockbrot buken, wurde die Arbeit auf der Tomatenfarm immer mieser. Die reifen Früchte wurden weniger und kleiner und das hieß weniger Geld für uns. Da wir ja eh nie wirklich viel verdient hatten, neigte sich unsere Toleranz immer mehr dem Ende zu. Hinzu kam, dass wir jeden Morgen erneut auf dem Weg zur Arbeit hin darum bangen mussten, dass unser Auto nicht durch die erschreckend schlechten Straßen- oder viel mehr Trampelpfadkonditionen zu Bruch ginge. Einmal wäre es beinahe dazu gekommen, als wir uns verfuhren (es gab drei verschiedene Farmen, auf denen wir pflückten und Google wollte eine nicht finden) und nach einem Wendemanöver meines Reisebegleiters das Auto mit der Hinterachse über einem Abgrund hing.
Wir arbeiteten dennoch weiter, da das Harvest Office für uns keine anderen Jobs hatte, und mit jedem weiteren Arbeitstag stieg unser Verdrecktheitslevel (die Dusche im Nationalpark war so weit weg, dass es für uns nur im härtesten Notfall ok war, dort hin zu fahren) und unsere Lust nach dem Bier nach der Arbeit. Ich trank – glaube ich – eine Woche lang jeden Tag ein Bier nach der Arbeit. Ganz ungewöhnlich. Aber nach 6 – 10 Stunden im Tomatenpflückerquasimodus braucht man einfach ein Feierabendbier. Und ich bin ja auch wieder davon los gekommen.

Der einzig Interessante Aspekt an der Arbeit als Pflücker war, dass man hautnah bei der Erfüllung von Stereotypen dabei sein konnte. So waren unsere asiatischen Mitarbeiter die schnellsten und fleißgsten, wir, die Deutschen waren langsamer, dafür genauer, Italiener und Franzosen waren am langsamsten und die Spanier haben geackert, als gäbe es kein Morgen mehr. Dabei standen unsere australischen Chefs rum, haben gechillt und kaum einen Finger gekrümmt. Alles easy halt.
Alles ganz easy

Die Anzahl der pflückbaren Früchte nahm weiter ab und das Wetter wurde teilweise richtig herbstlich mit starken Regengüssen und so riss uns nach 2 ½ Wochen der Geduldsfaden und wir liefen erneut zum Harvest Office und klagten den Angestellten von unserem Leid, dass wir kaum Geld machten und das Wetter so mies sei, dass wir bei der Arbeit komplett durchnässt werden und dass wir doch bitte einen stündlich bezahlten Job haben wollen.
Zack überraschte uns das Office erneut und besorgte uns für den nächsten Tag eine Anstellung in einer Erdbeerpflanzenpackfabrik. 20$ Stundenlohn (der australische Mindestlohn!) und ein überdachter Arbeitsplatz. Da mussten wir nicht zwei mal überlegen und so war das Tomatenpflücken für uns vorrüber.
Anstatt um 4h mussten wir für diesen Job erst um 6h aufstehen, somit noch ein Pluspunkt für Sweet's Strawberry Runners.
Wir sollten Teil der Washing-crew werden, der Abteilung des Betriebs, die die Pflanzen für den Export nach Western Australia oder Übersee verpackt. Unser Team bestand aus 12 Damen und 6 Herren, die fein getrennt nach Geschlecht von einander arbeiteten:
Die Damen wuschen den Dreck von den gerade aus der Erde gezogenen Erdbeerpflanzen, die Aufgabe der Herren war es, diese Gewaschenen dann zuerst in ein Pestizid zu tunken und danach in Pappkartons zu packen. Diese wurden dann auf Paletten gestapelt, um schließlich verschifft werden zu können.

Zu Beginn unserer Anstellung war es wohl noch nicht ganz in den Köpfen der Chefs drin, dass wir ein eigenständiges Team waren und eine Aufgabe zu erfüllen hatten, weswegen uns 6 Männern immer mal wieder HiWi-Jobs aufgebrummt wurden, so wie 5 Stunden lang Pappkartons zu basteln oder Dreck aus den Getrieben der landwirtschaftlichen Maschinen zu kratzen. Für 5 Stunden lang Pappkartonsbasteln 100$ zu bekommen und so mehr zu verdienen, als an 2 Tagen Tomatenpflücken, ließ Georg und mich euphorisch werden und schon nach 3 Tagen unseren Job aufs Äußerste loben. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Wir durften feststellen, wie sehr der Agrarsektor vom Wetter abhängig ist, als es 3 Tage in Folge ohne Unterlass schüttete, die Erde dadurch zu matschig zum Erdbeerpflanzenausdererdeziehen war und wir schlussendlich 5 freie Tage hatten.
Es gibt kaum etwas schlimmeres, als 5 Tage Freizeit in Stanthorpe. Naja, das ist jetzt übertrieben, dennoch ist es auch nicht das beste, was einem passieren kann.

Klar, es gab die Library, in der wir auch in den Wochen davor nach dem Tomatenpflücken (falls der Tag nicht schon rum war, so um 18h) stets Strom und kostenloses WiFi geschnorrt haben. Dort gab es ja sogar kostenlos Kaffee! Trotzdem hat man auch wirklich nicht die Lust 5 Tage in Folge vor dem PC zu hocken, alle Emails an zu Hause beantwortet und deswegen nichts mehr zu erledigen zu haben. Also verbrachten wir einen Tag im Nationalpark, duschten, schauten uns die schöne Natur an und ich verstand auch nun endlich, warum dieser Teil Australiens Granite Belt heißt: Überall riesige Granitformationen, größere und kleinere Haufen Granitbrocken und die Pyramid, ein wirklich pyramidenförmiger Berg, komplett aus Granit.

Als wir dann endlich wieder arbeiten durften wurde uns direkt versichert, dass sich die Auftragslage nicht verändert hätte, wir also immer noch genau so viele Pflanzen zu verpacken hätten, wie vor dem Regen, wir einfach nur weniger Zeit hätten. Die Lösung: mehr Stunden in weniger Tagen, damit niemand seinen Lohn verliert und die Firma nicht ihre Kunden. So kam es, dass wir teilweise 13 Stunden arbeiteten, teilweise auch mehrere Tage in Folge.
Dies war aufreibend, zum einen, da es wirklich an den Kräften gezehrt hat, zum anderen, da man, wenn man von morgens 8h bis abends um 9h arbeitet, keine Zeit mehr zum einkaufen hat und so manch einer unserer Kollegen auf einmal nichts mehr zum Essen hatte. Komischer Weise war diese Zeit für die beiden jüngsten und arbeitsunerfahrensten Typen des Teams (die beiden Deutschen (wir)) am einfachsten zu verkraften. Einem Mitarbeiter von uns wurde all das nach dem dritten Tag zu viel, sein Geduldsfaden riss. Nachdem er unseren Chefs deutlich gemacht hatte, was er von ihnen und ihrem System, uns arbeiten zu lassen, hielt, verschwand er und ward drei Tage nicht gesehen. Als er am vierten Tag wieder auftauchte, kündigte er und erzählte uns, dass er drei Tage lang fast komplett durchgeschlafen habe. Einer weniger in unserem tollen Team. Schade!

Erzähle ich doch mal etwas zu unseren Kollegen! Wie bereits erzählt, unser Team bestand aus 6 Typen, die sich im Alter zwischen 18 und 26 Jahren befanden. Während die Damen, mit denen wir während der Arbeit kaum etwas zu tun hatten, die Pflanzen wuschen, war es unsere Aufgabe, die sauberen Pflanzen zu dippen (in das Gift), die Trays, in denen sich jeweils 100 gewaschene und nun auch gedippte Pflanzen befanden, zu Türmen von je fünf zu stacken und diese Fünfertürme dann in einen 62 Liter Karton zu verpacken. Für diese Aufgabe wurden uns beiden jungen Deutschen zwei verrückte Franzosen, ein lebendiger Brite und ein stiller Schwede zur Seite gestellt, mit denen wir uns bereits nach dem ersten Tag super verstanden. Wir wechselten uns stets mit den anstehenden Aufgaben ab, so dass nicht einer von uns den ganzen Tag dippen (die mieseste Arbeit von allen) musste und optimierten gemeinsam mit guten Einfällen das System. Die Pausen verbrachten wir gemeinsam, erzählten aus unseren Leben und von unseren Reisen und waren jedes Wochenende ein Mal im Pub (manche von uns auch mehrfach, Georg und mir reichte aber stets ein Besuch).
Diese Pubnights schweißten uns jedes mal aufs neue noch enger zusammen und wir hatten wirklich eine gute Zeit gemeinsam.

Abgesehen von der Tatsache, dass rein organisatorisch in der Fabrik alles drüber und drunter ging, man z.B. manchmal einfach nicht wusste, ob es am nächsten Tag Arbeit geben würde oder nicht, hatten wir auch wirklich gute Chefs und Supervisors.
Die Frau des Besitzers (beide ca in den 70ern) lief meistens bei den Waschdamen und uns herum, hatte auf alles ein Auge und versorgte uns öfters mit Süßigkeiten, unser Supervisor Tim war nicht aufdringlich und kein Kontrollfreak, hatte aber trotzdem alles im Griff und Mr Green hat einfach immer nur Mist erzählt. Hörte man aus Mr Greens Mund, dass in ca 1 Stunde Feierabend sei, dann wusste man, dass man mindestens noch 2 Stunden Arbeit vor sich hatte. Besagter Mann führte uns auch an unserem ersten Tag in den Betrieb ein, sagte uns, dass wir noch kurz ein paar Minuten warten müssten, bis wir mit der Arbeit beginnen könnten. Aus Minuten wurden Stunden und so wussten wir bereits am ersten Tag, auf das Wort dieses Mannes ist kein Verlass.
Um ihn ein weiteres Mal (zumindest im Nachhinein) Lügen zu strafen, war ich sogar bereit, ein Opfer zu bringen.
Bei unserer Einführung erzählte uns Mr Green, dass es überall in der Fabrik Fließbänder gebe und dass es überall auch Vorrichtungen zum Anhalten dieser gebe, falls mal jemand in so einem hängen bleiben sollte. Das sei zwar noch nie geschehen, aber Vorsicht gehe vor.
Es war noch nie jemand in einem der Fließbänder stecken geblieben?!
Das musste ich ändern!
Als ich einmal die Aufgabe hatte, unter den Fließbändern zu putzen (damals, in den HiWi-Tagen) verhedderte sich ein Stück Plastik in einem der Bänder und legte somit den Weitertransport der zu verpackenden Pflanzen lahm. Da ich gerade in der Nähe stand, dachte ich mir: „hole ich das Teil doch eben raus!“. Woran ich nicht dachte: das Fließband war noch eingeschaltet. Beim Entfernen des Plastiks verhakte ich also meinen Unterarm in der Maschinerie und kam nicht mehr aus eigener Kraft heraus, da das Band immer noch weiterlief. Glück im Unglück: wäre ich zwei Zentimeter weniger tief reingerutscht, säße ich jetzt mit einem gebrochenen Handgelenk hier und könnte nicht tippen. So bin ich nur mit einer Quetschung und ein paar Narben davon gekommen und konnte auch am selben Tag noch weiterarbeiten.
Als das einer der Supervisoren sah rief er mir sichtlich erstaunt „They breed'em tough where you come from, eh?“ zu. Respektpunkte verdient – check.

Ansonsten passierte auf der Arbeit weiter nicht wirklich etwas besonderes, die Tage verschwammen zu einem großen Brei. Dieser Prozess hatte schon beim Tomatenpflücken angefangen und kam wohl daher, dass wir außer arbeiten kaum etwas anderes an unseren Tagen taten. Die Rest Area Family wuchs enger zusammen, das Team auf der Arbeit auch. Wir hatten eine gute Zeit!

Irgendwann jedoch beschloss die Besitzerin eines Campingplatzes in der Nähe von Stanthorpe, dass die Bewohner der Rest Area eigentlich auf ihrem Platz wohnen und ihr Geld zahlen sollten. Deswegen sah man diese Frau öfters dabei, wie sie morgens um 6h mit dem Van ihres Campingplatzes (extrem schlau!) zur Rest Area fuhr und Fotos von den Nummernschildern der dort stehenden Autos machte. Wir wissen nicht genau, was die Alte damit gemacht hat, wir vermuten aber, dass das aufkreuzen der Polizei ein paar Tage später damit zusammenhängt.
Die Polizei war auch schon vorher an der Rest Area gewesen, hatte nach dem Rechten geschaut und uns gesagt, dass wir, solange wir alles sauber und ordentlich hinterlassen, gerne dort schlafen bzw. wohnen können.
Neu war also, als dann einigen unserer Freunde mit Strafen gedroht wurde, sollten sie dort länger stehen bleiben.
Einige der Familie wollten es drauf ankommen lassen und blieben weiter dort, wir sammelten allerdings Handynummern und Facebookkontakte und verabschiedeten uns auf einen nahegelegenen und günstigen Campingplatz. NICHT zum Blue Topaz, dem Platz der Frau, die uns vertrieb.
So war es das erste mal in 4 Wochen, dass wir etwas für unsere Unterkunft bezahlten und das erste Mal überhaupt, dass wir uns auf einen Campingplatz stellten.


Dieser Platz war voll von asiatischen Trimmern, den Menschen, die die Pflanzen, nachdem sie aus der Erde kommen, auf das Waschen vorbereiten und schlechte Pflanzen aussortieren, coolen Menschen. Mit diesen konnten wir uns gut unterhalten und es gefiel uns sowieso sehr gut auf dem Platz, war er an einem Fluss gelegen und bat eigentlich jeden Morgen und Abend wunderbare Sonnenauf- und -untergänge.
Auf diesem Platz lernten wir auch zwei deutsche Waldorfkids, Bruder und Schwester, kennen, die wohl coolsten deutschen Backpacker, die wir bisher trafen.
Mit ihnen redeten wir bis tief in die (Backpacker)Nacht hinein (11h) und bekamen deswegen zu wenig Schlaf für den nächsten Tag auf der Arbeit. Wert war es das aber auf jeden Fall. Ich würde mich freuen, wenn wir uns in Deutschland noch einmal treffen würden.

Früher als für uns gedacht hieß es aber auch schon „wir müssen los, wir müssen kündigen, sonst haben wir nicht mehr genug Zeit, um entspannt zu reisen!“. Das ist nämlich ab sofort der Plan, die letzte Zeit unseres Aufenthalts in Oz mit einem letzten dicken Road Trip zu verbringen. Also Kündigten wir, verbrachten einen glorreichen Abend in Stanthorpe (ich mit unseren Kollegen im Pub, Georg auf einem Rave irgendwo im Wald an einem Wasserfall), trafen uns an besagten Undercliffe Falls am nächsten Tag, verbrachten diesen dort mit den beiden Deutschen und wurden Abends noch von zwei Kolleginnen in ihre Wohnung zum Dinner und Filmgucken eingeladen. Wir konnten sogar bei ihnen übernachten! Sie hatten wohl Mitleid mit uns, dass wir ansonsten in unserem Auto schlafen mussten. Ich werde hier nicht viel über die Undercliffe Falls sagen, jedes Wort würde diesem Ort nicht gerecht werden. Deswegen lasse ich Bilder sprechen.









Am nächsten Tag brachen wir auf, Stanthorpe nach über 1 ½ Monaten zu verlassen, noch ein mal in die Library, noch ein Mal auf die Rest Area, kurz ein Denkmal an unsere Zeit hinterlassen und wieder auf nach Brisbane!


„ It's at times like this I realise how mad all this travelling is. I'm miles away from home, far from anywhere, in a spot I'll most likely never travel to again, brushing my teeth. It's an odd feeling.“ - Karl Pilkington (An Idiot Abroad)



Känguru zum Schluss

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