Fast-moving out of control grass fire heading in a north-easternly direction

Es versprach ein ganz gewöhnlicher Sonntag zu werden.


Der Großteil von euch Lesern weiß vermutlich noch gar nicht, dass wir wieder auf einer Farm sind. Ausgerechnet diesen normalen Sonntag wollte ich nutzen um den so lange gestillten, längst fälligen nächsten Post zu gebären, doch nun sind die latesten updates erst einmal wichtiger, denke ich.

Es versprach also ein ganz gewöhnlicher Sonntag zu werden.
Die größte Angst bestand darin, diesen freien Tag nicht sinnvoll gefüllt zu bekommen, sich zu langweilen. Zwar wachte ich um vier Uhr morgens vom Gerapple des starken Windes auf und konnte fortan nicht mehr schlafen, was meiner Furcht vor der Öde noch ein bisschen Nahrung lieferte, wobei ich von den vier hier lebenden WWOOFern, von denen ihr bis jetzt nur zwei kennt, wohl der bin, welcher sich am besten selbst zu beschäftigen versteht.
Nachdem alle wach waren, Leon als erstes zu mir sagte: „Alter bei diesem Wind ist die Fire Danger bestimmt überall wieder auf extrem.“ ging es also an den ordinären Wochenendalltag: Brekki, Duschen, Gammeln und einer geringen Auswahl an Freizeitaktivitäten nachgehen, hatten wir doch tags zuvor eine Tour nach Woodend unternommen.
Als es um 13 Uhr Lunch gab, erreichten uns erste Nachrichten eines nahegelegen Grasfeuers, was unsere Hosts, so erzählten sie uns, noch nie ansatzweise durchleben mussten, da sie die meiste ihrer Lebzeit in der Stadt zugebracht hatten. Wir als Touristen konnten, nach unserer Fastevakuierung auf Sandow's End und unserer nächtlichen Flucht aus Mildura (Davon wisst ihr ja auch noch nichts) also bereits mehr Bush Fire Erfahrung verbuchen als diese Aussies. Noch ging jedenfalls keine Gefahr von besagtem Brand für uns aus, der, wie die meisten verheerenden Waldbrände in der Geschichte Australiens, höchst wahrscheinlich absichtlich gelegt worden war, bis sich die Flammen plötzlich in unsere Richtung fraßen. Der Wind, der Wind das Hurenkind.

Rauchgeruch und Helikopterklang erreichten uns, sodass wir begannen präventiv zu packen. Dies ist für Backpacker natürlich einfacher als für Farmer, sofern sie keinen Notfallplan haben. Schließlich wehte immer mehr und mehr Rauch zu uns herüber, die Sichtweite betrug noch um die 50 Meter, Rauchgeschmack in Mund, Hals, Lunge, ansatzweise Ascheregen, fliehende Anwohner heizten die Straße herunter. Letzteren schlossen wir uns schleunigst an und machten uns buchstäblich aus dem Staub, gerade noch rechtzeitig, wie wir fünf Minuten später erfuhren, als im Radio durchgegeben wurde, dass es für unsere Straße nun zu spät sie, man sich, sollte man sich noch dort befinden, verschanzen müsse.


Die Kulisse war unglaublich. Ganze Trecks von Bedrohten strebten, jegliche Speed Limits ignorierend, vorbei an ausbrechenden Pferden, Schaulustigen, Zurückgelassenem, weg von der Gefahr, einer Rauchwolke, deren schiere Ausmaße ich nicht zu schätzen wage. Zahlreiche Löschflugzeuge und -hubschrauber verschiedenster Größe schwärmten um das grau-schwarz-braune Gasgemisch, was der Atmosphäre, auch akustisch, einen gewissen Kriegstouch verlieh. Frappierenderweise begann ich ohne es zu merken die Melodie von „We didn't start the fire zu pfeifen.

Uns verschlug es nach dem obligatorischen Run auf die Tanken wieder nach Woodend. Die Hausherren fanden Schutz in Gisborne, das später wie Riddells Creek und Sunbury komplett abgeriegelt wurde. So trug es sich zu, dass wir mit unseren beiden Leidengenossen Lisa und Ayo drei Stunden auf einer Grünfläche unseres Refugiums zubrachten, auf Neuigkeiten wartend, bis - Achtung Achtung unglaubliche Glückssträhne setzt sich fort – eine Passantin uns Lost Kids ansprach, uns anbot bei ihr für die Nacht unterzukommen.

Ganz unverhohlen kann ich verkünden, dass wir die großzügigsten, herzlichsten Menschen unserer Reise getroffen hatten. Sarah, blonde Dreads, Psychologin, Mutter von zwei lebensfrohen Söhnen und Phil, Anthony Kiedies doppelganger, social worker, DIY-Guy nahmen uns vier Streuner auf, servierten uns, nach einer Runde Kaffee, ein ausgewogenes, vorzügliches Dinner, köpften dazu zwei Flaschen Wein, luden uns ein fernzusehen, zu duschen, sich am Obst zu bedienen und unterhielten sich mit uns offener, als so mancher WWOOFinghost nach fünf Wochen Bekanntschaft.
Komplett overwhelmed, mir fällt kein ähnlich passendes deutsches Wort ein, drängten wir uns schon fast auf, irgendwie aushelfen zu können, wofür wir dann zu allem Überfluss auch noch großzügig genannt wurden. Leon und Ayo halfen Fensterrahmen lackieren, Lisa spülen, der Herr zukünftige Lehrer hatte die Bürde, ja das Joch zu tragen mit den beiden, die Grundschule besuchenden Söhnen auf einem Riesetrampolin rumzuhüpfen

Australien, deine Menschen sind so wunderbar, mögen wir diese Offenheit, diese Hilfsbereitschaft, diesen Spirit in der Heimat verbreiten!

Nach ersehntem Schlaf und einem Haferbreifrühstück, ging es zurück zur Farm. Die Radioberichte des Vortages ließen nichts Gutes ahnen. Je näher wir Riddell's kamen, desto mehr Feuerwehr- und Baufahrzeuge kamen uns entgegen, schließlich war die Straße von Schwärze gesäumt. Schwarze Wiese, schwarze Pferdekoppel, schwarze Hecke, schwarze Bäume...



Bereits am späten Abend hatten wir Nachricht erhalten, die Gebäude würden noch stehen, der Rest war unklar. Von einem verkohlten Einfahrtstor begrüßt, mussten wir zu Anfang feststellen, dass der Vorgarten noch vollkommen intakt war. Der Rest jedoch (ca. 70%) glich den vielen anderen „Ascheplätzen“. Ein todesmüder Laurie, gutmütiger Herr des Hauses , begrüßte uns und berichtete vom Löschen kleiner bis mittlerer Schwelbrände bis 2:30 Uhr nachts. Dieses Handwerk führten wir den ganzen Tag über, immer wenn irgendwo Rauch begann aufzusteigen, weiter fort.
Während ich, gerade beim Schreiben dieses Artikels, so langsam aus meinem Traum erwache um festzustellen, es sieht hier wirklich aus wie auf dem Mond, kommen die Betroffenen, so scheint es, noch nicht so wirklich klar, wie auch nach nur zwei Stunden Schlaf.

Bemerkenswert ist allerdings, dass bereits in ihrem Delirium der klassische Aussie-Umgang mit der Feuergefahr greift. Sätze wie „Dieses Mal bauen wir endlich Gemüsebeet, keine nutzlosen Pflanzen“ - #Brandrohdungswanderfeldbau - oder „Ja wir hatten dann voll das schöne Picknick in Gisborne, als es bei uns gebrannt hat.“ , zeigen einfach, wie normal dieses Feuer hier in der öffentlichen Wahrnehmung sind.



Zusammenfassend kann man also mal wieder sagen: Alle haben Glück gehabt. Für uns erwuchs aus scheinbarem Unglück, obwohl wir doch zugegebenermaßen ziemlich angetan von diesem Abenteuer waren, auch wenn wir zu viert im Auto sitzend nächtigen hätten müssen, mal wieder eine unvergessliche, inspirierende Erfahrung, während die Farm, Dank der tapferen Feuerwehrmänner, noch steht. Ihr habt wieder was Interessantes zu lesen. Was man so hört, ist auch niemand gestorben.

Alles in allem, also ein wirklich ganz gewöhnlicher Sonntag in Australien.


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