Ruf aus der Ferne

Well well well,

gerade sitze ich auf einer Couch in einem wundervollen Hostel in Renmark und komme endlich dazu diesen Post zu schreiben.

Wie kam ich hier hin, was ist geschehen im Schatten des Jahreswechsels, im Glanze der Weihnacht?

Nun - wo hört die Berichterstattung auf? - richtig, Insomniageorg ist zurück und darauf gefasst mit Sack und Pack und lebendigen Okular von Travelmate weiterzuziehen.
Zu diesem Zwecke, mit frisch verdientem Geld in der Tasche, manifestierte sich sehr schnell die Überlegung, dass ein Automobil unabdingbar sei. Sodenn begutachteten wir bereits an unserem vorletzten Tag auf der Farm ein Gefährt von 1986, welches allerdings Probleme mit dem Anspringen und Reifen so stabil wie Seifenblasen hatte.
Der Tag zeichnete sich allerdings viel gravierender durch seine "Real Australia Experience" Vorfälle aus.
So sahen wir morgens bei der Arbeit das erste mal Redback spiders (zweit gefährlichste Spinne hier) um zehn Minuten nachdem wir von der Autoschau wiederkehrten von einem Feueralarm überrascht zu werden.
Stellt euch vor, ihr besitzt eine Farm und geht mal so aus Jux auf die Bushfire-Alarm-Webpage und da steht plötzlich der Name eurer Straße. Wir packten also unsere Sachen in Rekordzeit und waren bereit zu evakuieren, als die Nachricht reinkam, das Feuer sei gelöscht.
Die Vernetzung bezüglich Feuergefahr ist sehr beeindruckend. Es gibt die Internetseite, die App, das Radio und sofort rufen sich alle Nachbarn gegenseitig an.
Noch bevor wir Wind vom Feuer bekommen hatten, erblickte ich bereits ein Löschflugzeug direkt über uns, dachte aber versonnen-naiv: "Uii das Sportflugzeug fliegt aber tief, was doch für ein schöner Tag heute ist, Blumen, Liebe, klatschendes Äffchen..."
Jedenfalls war dann alles wieder gut und am nächsten Tag ging es zurück in die schützende Stadt, um dort ein Vehikel zu finden und Weihnachten in unserem liebsten Sunny's Hostel zu feiern.




Eingeplant für die Autosuche waren sieben Tage und was soll ich sagen, wir hatten unser Auto nach ca. 30 Stunden. Dafür gibt es zwei Gründe:
Erstens, dass ich nach der sleep study frei von jeglichen Schlafrhythmen war und nach einer durchskypten Nacht nach 30 Stunden Wachsein an den nächsten beiden Tagen easy mit fünf Stunden Schlaf um 05:00 aufstand, Leon freilich auch.
Am vorletzten Tag ging es so früh aus den Federn, da es um die Mittagszeit bei 40 Grad nicht möglich war zu arbeiten und am Aufbruchtag einfach um unsere geschickte Planung, Grund Nummer zwo, durchführen zu können.
So schauten wir uns am bis dato heißesten Tag (44° C), nachdem wir im air con freien Sunny's eingecheckt hatten, zwei weitere Fahrzeuge an, von denen eins nicht einmal ansprang und das andere uns sehr überzeugte. Tags darauf ging es mit einem der drei überhilfsbereiten Hostelbesitzern erneut zu überzeugendem Modell, welches wir nach zweiter Testfahrt, sowie anschließender euphorischer Beurteilung unseres Beraters kauften.
Dann ging es noch eben der Ummeldung wegen zum Bürgerbüro und fertig war die Laube.
Anzumerken sei, in South Australia kann man Autos, solange sie noch registriert sind, einfach so ohne Sicherheitschecks ummelden.


Mitsubishi Magna 1996

Es blieb also viel Zeit um die Feiertage zu genießen. Dem zu gute kam, dass sich im Sunny's ein ganzer Haufen stabiler Leute herumtrieb. Ja es war eine Zeit voller Leichtigkeit, in der ich zum Beispiel das längste Gedicht meines, nennen wir es ganz unarrogant, Poesiegeszugs - wem mein Gestotter ein Dorn in Auge ist, der nenne es Poesyphelis - vollendete.
Die Weihnachtsfeierlichkeiten begannen mit betrunkenem Christmas shopping um Mitternacht (Öffnungszeiten in Adelaide 00:00-21:00), in dessen Zuge wir nebst anderen ominösen Gestalten all die Artikel der Lebensmitteabteilung, welche sich durch höchste Unnötigkeit auszeichneten, in unsere Körbe packten. Erstaunlicherweise waren wir mit viel weniger zufrieden als geplant.
Heiligabend mutete an wie eine Erneuerung des Élysée-Vertrags: Zwanzig Deutsche und Franzosen Seite an Seite, sich erlabend an vom Hostel offerierten Snackplatten.
Die Aussies feiern nämlich aus britischer Tradition erst groß am 25., Christmas Day.
Diesen verbrachten wir nach gemütlichem Frühstück und einer Fahrt mit zwei Autos aus denen laut Dubstep, es gibt hier tatsächlich einen Radiosender, der 24/7 verschiedensten EDM spielt "Fresh 92,7 FM", schallte am Strand. Nach Stunden voller Footy, Sonne, Baden, Kokosnüssen und Unwirklichkeit ging es zurück in die Unterkunft, wo ein opulentes BBQ, für alle gratis, inklusive Bier, veranstaltet wurde. Auch bei 30° entstand so ausgelassene, familiäre Weihnachtsstimmung, wodurch uns dieses kleine, etwas ranzige Backpackers für immer in wohliger Erinnerung bleiben wird.


Hab gehört, wir grillen.

Weihnachtsfeiertag Nummer zwei verbringen die Sträflingsnachfahren mit einem aberwitzigen Ansturm auf jegliche Geschäfte, die an den Boxing Day Sales teilnehmen.
Während Leon an vor Läden campenden Heerscharen vorbeizog um sich den zweiten Teil des Hobbits, hier erst am 26. released, anzuschauen, verbrachte Blondi die Zeit damit eine letzte Equipmentaufstockung durchzuführen, was wegen der Einkuafsparade herrlich daneben ging.
Dennoch machten wir uns, ein wenig unterversorgt, endlich endlich endlich auf in die Ferne.
Unser erster Stopp sollte eine Resting Area, also ein Parkplatz, für übermüdete Trucker sein, welchen wir, wie alle folgenden Flecke, mit Hilfe der App "Wikicamps" fanden.
Dort konnten wir zwar nicht campingkochen, weshalb klassischer Weise ein paar PJ-Toasts unser Dinner sein sollten, aber es gab eine gut funktionierende warme Dusche, rare pleasure on the road, welche ich sehr genoss, ganz ohne vergewaltigt zu werden.

Nun waren wir also tatsächlich Vagabunden, jeden zweiten Tag auf einem anderen Gratiscampingplatz, in einem Auto lebend, zwar mit der Möglichkeit Akkus aufzuladen, doch nur während der Fahrt, sich im Fluss waschend; das einzige Gut welches im Überfluss vorhanden ist:
Zeit.


"Ich habe nachgedacht...über mich, über dich, über alles".

 Ihr könnt also den Schluss ziehen, dass es mit der Arbeitsuche ein wenig stockt. Wir haben es, auch wenn es nicht anders ging, geschafft zwischen der Orangen- und Traubenernte im Riverland aufzuschlagen. Dies ist allerdings nicht so schlimm, da wir mit unserer mobilen Behausung fast keine Kosten haben, während wir zwischen Anrufen beim National Harvest Guide die Tage mit lesen (Wilde, Dostoyevsky), chillen mit Rentnern und sinnieren verstreichen lassen. Zur Not geht es dann bald wieder WWOOFen.

Obacht, jetzt komme ich endlich dazu wie wir in diesem Hostel landeten.
Es trug sich nämlich in den letzten Stunden des vergangenen Jahre so zu, nach dem morgendlichen Schreiben eines himmelhochjauchzenden Essays über jenes, dass sich unser Auto dachte "Let's go on strike!" und glücklicherweise unmittelbar vor den Toren Renmarks, kochendes Kühlwasser spuckend, liegenblieb. Mit Mühe und gesponsertem Kühlwasser samt Kanister schafften wir es zu einer Werkstatt; erste Diagnose: Zylinderkopfdichtung matsche, Kosten 1000+ (dickes Plus, Boy!) $.
Da Neujahr natürlich nicht gearbeitet wird und dieser Schaden zwei Tage zur Behebung benötigt, machten wir uns in einer 30km/h-Odyssee mit letzter Kraft auf zum nahegelegenen Campground.
Die idyllische Silvesterfeierei war somit gestorben und dafür von Frustsauferei geprägt; keine Details.


Now that you've gone to the stars...

Der darauf folgende Tag hätte sich nicht weniger wie der Start in ein neues Jahr anfühlen können und wurde gefasst, doch mit einem äußerst mulmigen Gefühl im Gedärm, nichtstuend verwasted, um heute Morgen im Kaffeefahrtmodus zurück in die Stadt zu gurken, das Auto abzugeben und von zwei Hostels abgewiesen zu werden. Vermutlich werden sich diese zwei Jahre mit einem 18 Monate langem Sommerfrühling für uns einfach bis zum nächsten Jahreswechsel wie eine lange reizüberflutende Monatssammlung anfühlen.

Das Jahr begann also trübe, bis wir am dritten und letzten Hostel Renmarks, "Renmark Backpackers" anklopften, von welchem aus ich nun gerade zu euch schreibe. Der Besitzer, früher selbst Backpacker, hatte sich auf seinen sieben Jahre langen Reisen nämlich in der gleichen Situation befunden wie wir und nahm uns, obwohl für ein Working Hostel (Hostel, welches konkret Jobs vermittelt und von denen viele dafür bekannt sind, Backpacker auszunehmen) absolut unüblich, für eine Nacht auf.

Wir durften feststellen, dass Renmark die Stadt der netten Menschen, in diesem sowieso arg hilfsbereitem Land, wo Biker anhalten um einem, auch wenn man nicht gefragt hat, den Weg zum Strand zu weisen, zu sein scheint. Schon nach 30 Sekunden des am Straßenrand strandens hielt der erste Fahrer und rief sogleich einen Freund mit Wasserkanister an. Es folgte ein Anwohner, ebenso mit Wassernachschub. Lustigerweise trafen wir beide Samariter noch ein zweites Mal in diesem Örtchen. Auch der Werkstattbesitzer zeichnete sich durch Güte aus, als er uns anbot in seinem Betrieb in unserem Auto zu nächtigen, doch wir hatten nach fünf Tagen ohne Dusche wirklich ein Haus ohne Räder nötig.

Vorallem an unserem Unterkunftgewährer kann man ein Phänomen der Backpackerszene veranschaulichen, welches uns Reisende zunehmend beschäftigt. Man könnte es eine Art natürliches Karma nennen. Wie die meisten von euch wohl wissen sollten, ist mein Glaube von christlicher Natur, weshalb dieser Effekt für mich nicht von spiritueller Bedeutung ist. Dennoch ist er auszumachen und bildet sich ganz natürlich.
Wem Gutes getan wurde, der wird Gutes tun; returning the favour.
Wer selber getrampt ist, nimmt später Anhalter mit.
Wem Telefonnummern von Arbeitgebern anvertraut wurden, der gibt diese gern weiter.
Wem Essen geschenkt wurde, der teilt selber gern.
Uns ist bis zu diesem Zeitpunkt permanent geholfen wurden und mit wachsender Erfahrung ist es uns möglich auch hier und da Informationen, sowie Rides zu spenden.
Dieser Spirit ist äußerst erfüllend, was die Hoffnung in mir nährt etwas davon mitzunehmen.


Gute Nacht, Murray River

Zuletzt zerspringt mein Herz fast vor Freude erzählen zu können, was der Tag sonst noch brachte.
Gegen tea time nämlich bekamen wir einen Anruf des Mechanikers, welcher genüsslich berichtete, dass nur das Thermostat kaputt gewesen, bereits ausgetauscht worden sei, das Auto wieder lief, die Kosten sich nur auf ein Sechstel der befürchteten Summe beliefen.

Mit Kaffee und Schreiberei feiernd, erleichtert as fuck, wünschen wir noch einmal offiziell ein blühendes, reifendes, Früchte tragendes neues Jahr!

Fliegende Herzen

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