Wwoofen, Warten, Wasten

Es hat sich mal wieder nicht viel geändert.


Nach einem erheiternden Marsch durch die Vergnügungsstraßen, den Stadtkern, die Parklandschaft und den CBD Renmarks (alles ein Viertel), der ca. 30 Minuten dauerte und in dessen Zuge zwei Kassetten mit ausgewählten Stücken der 20s Swing-ära ihren Weg aus einem Kramladen, ja eher Kaufhaus, in welchem es alles gab von Kunstwerken über Sättel, Möbel, Instrumenten zu Süßigkeiten, zu uns fanden, hatten wir nun wirklich gar nichts mehr zu tun und beschlossen eine kleine Welle von Anrufen auf Wwoofingfarmen zu starten.
Erster Anruf, zwei Minuten, Autofahrt, fünf Minuten: Hello, Farm!

Somit ist der Plot auch schon beendet, denn das klassische Farm-Phänomen, setzte ein:
Georg und Leon frieren in einer Mischung aus Arbeit, Erholung, sowie ein wenig Beschäftigung ein und die Zeit rast. Auch auffällig ist, wie schnell wir uns mittlerweile einleben können. Am Morgen des zweiten Tages, nach einer Nacht des Schlafens in einem neuen Bett, hatten wir ein neues zu Hause.


Auf diesem Hof läuft alles ein bisschen anders.

Anstelle von Gartenarbeit besteht unsere Aufgabe hier hauptsächlich darin Gegenstände von A nach B zu räumen und eben diese zu entstauben, denn das Herz dieses Geländes ist ein riesiges mit allerlei alten Möbeln, Kunstwerken, Schrott, Müll, Sperrmüll, Abfall, Trash, eh Schrott, Müll, Müll und Müll gefülltes Carport.
Diese Arbeit wird nicht nach einem geregelten Stundenplan oder Tagesablauf verrichtet, sondern danach wie es der Chefin beliebt. Konkret heißt das, wir wissen nicht ob wir um 06:00 anfangen oder um 12:00. Eva (*Name geändert) ist natürlich immer ganz ganz früh wach, aber kann manchmal einfach noch nicht arbeiten und benötigt Zeit für sich. Wenn gar nichts geht, raucht sie sich einen, was ihrer Meinung nach das absolut beste Mittel ist, um das komplette Fehlen der Fähigkeit sich zu konzentrieren, auf eine Aufgabe zu fokussieren zu ersetzen.
Dem ist nicht so.
Somit werden gleichzeitig mehrere Aufgaben begonnen, keine beendet und am Abend bricht dann die große Verwunderung aus, dass so wenig erreicht wurde.
Was den Schaffensprozess zusätzlich verlangsamt ist der Umstand, dass alle Aufgaben doppelt erledigt werden, da im Grunde sowieso und überhaupt alle anderen Menschen unfähig sind und nur Eva alles richtig erledigen kann. Wir machen also im Grunde die Vorarbeit, welche freilich gut aber nicht gut genug aber nicht schlecht aber sehr nett aber schlecht aber nicht schlecht aber also ganz in Ordnung und auch wichtig also gut ist. 
Trotzdem muss sie natürlich alles überarbeiten und honestly, das ist echt anstrengend.
Weitere Unterbrechungen sind stundenlange Anrufe von Freunden, wenn diese nicht gerade auf ein Bier vorbeikommen. Diese Freunde sind allerdings äußerst nett, ja die meisten sind Hippies.


Zum Stichpunkt Hippies fällt mir gerade auch noch die groteske Tierliebe der Dame ein.
Diese Liebe kennt keine Grenzen und wird nicht nur an die fünf hier lebenden Katzen abgestrahlt, sondern gilt jedem Geschöpf. So werden Possums, allgemein als Baumratten verschrien, gefüttert und giftige Spinnen nicht zertreten wie üblich, dafür aber gerettet und zwanzig Meter weiter wieder ausgesetzt. Vermutlich befinden wir uns deshalb in „Redbacklandia“ (Leon hat viele Fantasyromane gelesen) und sind in ein paar Tagen bereits gehörig abgestumpft in Bezug auf giftiges Kleingetier.

Zu all dem muss angemerkt werden, Eva ist ein guter Mensch!
Sie ist eben nur komplett messed-up, manche sagen verrückt.

Jetzt fragt ihr euch vermutlich zu Recht warum wir denn auf dieser Farm bleiben, wenn wir doch ein Auto haben. Dafür gibt es tatsächlich einige Gründe.
Der wichtigste ist, dass diese Farm für das Second Year Visa, also die Berechtigung noch ein zweites Jahr Work and Travel in Australien antreten zu können, sei es unmittelbar an erstes angehängt oder irgendwann bevor man dreißig wird, qualifiziert, wie Sandow's End und hoffentlich auch die Hidden Farm, bei der wir bald sowieso unsere Future Music Tickets abholen werden und hoffen einfach eine Unterschrift zu bekommen, was kein Problem darstellen sollte. 
Für diese Visumverlängerung muss man nämlich nachweisen 88 Tage auf Farms Vollzeit gearbeitet zu haben, wobei gerade beim Wwoofen gerne Arbeit und Freizeit verschwimmen.
Ob ein zweites Jahr jemals von uns angetreten wird sei mal dahin gestellt, gerade in meinem Fall, dennoch wird es ein gutes Gefühl sein diese Möglichkeit zu haben und wir werden stolz schmunzelnd auf Fragen anderer Reisender als Antwort verkünden können diese Backpacker treasure hunt erfolgreich abgeschlossen zu haben. 
Anstatt also unsere Zeit bis zur Rebe auf Campingplätzen abzusitzen, bei 40 Grad im Auto zu schlafen, auf der weiteren Suche nach Plantagen, welche nicht von illegalen indischen Schwarzarbeitern (Pendant zum polnischen Spargelstecher) überflutet sind, Sprit zu verbrennen, haben wir also mal wieder keine Ausgaben, dafür Betten, gutes Essen, bis auf das Trinkwasser vielleicht, welches gefangener Regen ist und von Mückenlarven freigesiebt werden muss, was aber nicht ungewöhnlich in diesen dürren Gefilden ist (Third Wolrd Experience schadet auch mal nicht) und bekommen dabei unsere Tage angerechnet.
Fast genau so wichtig ist einfach der Umstand, dass es hier nie langweilig wird.
Dann ist halt auf einmal das Haupthaus von Termiten befallen, dann kommen halt mal Schwester samt Schwager vorbei, es bricht ein Streit aus, die Polizei wird alarmiert und wir werden von einem Polizeiofficersir interviewt, dann ist unsere Hauptaufgabe mal drei Tage Babysitten, weil eine andere Schwester mit zwei die Grundschule besuchenden Söhnen vorbeikommt, schließlich geht es mal wieder an den Fluss Müll aufsammeln, welche ein paar „Verbrecher“ zurückließen, die man ihrer Meinung nach alle „hinrichten“ muss.
Des Weiteren hat diese Frau unglaublich viele skurrile Geschichten zu erzählen aus ihrer Zeit in New York, wo sie elf Jahre lebte. 
Dort managte sie die meiste Zeit über Clubs, war aber auch Photographin und Künstlerin, zeitweise Edeltickerin, hatte einen Ehemann, der eigentlich schwul war, während sie auch mit Frauen ging und irgendwie jeder mit jedem.
In dieser Zeit kam sie richtig gut ohne Drogen aus, mag auch gar kein Gras, also außer als sie dealte und irgendwie davor und danach, ließ aber ganz sicher die Finger vom Koks außer vielleicht manchmal auf einer Clubtoilette, wofür sie aber nie bezahlte, genauso wenig wie für Heroin, wenn man das eine Mal vergisst, wobei sie ja auch nur fünf mal gefixt hat in ihrem Leben und nie gezogen oder doch? Jedenfalls wurde sie nie zum Junkie, weil sie direkt in ihrem ersten Jahr am Big Apple erleben musste wie eine Freundin einer Überdosis erlag und lebt so nun seit zehn Jahren in Australien auf dem Land, weil sie keine Lust mehr auf die Stadt hat, natürlich eigentlich schon, weil ihre Familie und alle anderen komplett gestört sind, außer ein paar nette Menschen in Renmark aber nicht wie in NYC, you know?

Diesem Brei kann man hier für Stunden lauschen, was unsere harmlosen Seelen natürlich sehr fasziniert. Vier meiner Lieblingszitate sind folgende:

„I only shot up 5 times.“

„I drank way too much probably defenetly, maybe...what were we talking about?“

„My life was always somehow too much about Sex and Drugs and Rock n Roll.“

„In this shed here, there are so many things, you just cannot concentrate, it's like being stoned all the time.“

Wir haben wohl nur zwei Fähigkeiten auf dieser Farm trainiert.
Zum einen ist es das Schalten in den Hedonistenmodus, einfach Kopf aus, nicht zuhören, wenn die Alte mal wieder Kauderwelsch in Bezug auf das Thema Arbeit von sich gibt, sich noch ein paar Früchte, Sandwiches und Kaffee gönnen, Unterbrechungen als wohlige Inseln der Faulenzerei sehen, die Arbeit halbherzig machen um dann, während Eva alles Getane selber noch einmal macht, Skill Nummer zwei einsetzen, das Dummstellen.
Ja letzteres ist wirklich unglaublich hilfreich, nicht nur an diesem Ort.
Zusätzlich können wir jetzt auch sehr schnell von Arbeit auf Pause umschalten und brauchen nicht mehr Ewigkeiten um in einen guten Vibe für Freizeitaktivitäten zu kommen.
Während auf Sandow's End nach Feierabend Kopf und Körper für die nächsten zwei Stunden heruntergefahren wurden, reichten uns hier fünf Minuten für ein Foto, zehn Minuten für ein paar Verse; Musenquickies will ich es nennen.

Zehn Tage reichten nun auch wirklich komplett, es geht also weiter Richtung Mildura, wo aus der Gerüchteküche langsam Sultanusbrei anfängt herüber zu blubbern.

Macht es also mal wieder gut und bleibt sober...probably maybe!


Ps.: Meine Haare sind rot.



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