Wach, wie man ihn kennt.


Grotesk sind meine letzten zweieinhalb Wochen gewesen.
 
Grotesk und von Verzicht geprägt.
Wer braucht schon Schlaf, Alltagsdrogen, Freizeit, 7/7 Tage Sonnenlicht und Facebook?
Dennoch gebe ich gerne zu, meine war eine sehr elegante Art und Weise einen Haufen Geld zu verdienen. Zwar musste ich fünf Wochen lang meinen Schlafrythmus sehr streng regeln, was in einem Hostel, wo man von frühaufstehenden Pendlern und Trunkenbolden, welche mit dir um 1 Uhr morgens noch einen Pubcrawl starten wollen, geweckt wird, ein Ding der Unmöglichkeit ist, auf einer Farm hingegen sehr einfach, musste auf Alkohol verzichten und meinen Kaffeekonsum auf ein Tässchen pro Tag limitieren.

Nur eine Tasse!
Des Weiteren hatte ich, da ich Wochentags im Vineyard arbeite keinen freien Tag.
Die Sache mit Facebook entsprach ja einer Selbstaufbürdung, einem Versuch, einer Kur, welche mir anfangs mehr Ausgeglichenheit, Zeit und Ruhe bescherte. Mit der announceten zweiten Bandwelle des Southside Festivals, ergänzt durch eine Verschlechterung des Wetters stieg der Drang, Wunsch nach einem Besuch des blauen Kosmos jedoch erheblich. Dennoch schätze ich mich stolz diese Pause unternommen zu haben. In diesem Zuge lernte ich tatsächlich auch das Medium E-mail zu schätzen.
Vielleicht werde ich auch einfach erwachsen.

Nun würden Einige argumentieren, dass der Alltag im Labor, wo nur alle zwei Stunden eine dreißgminütige Testbattery anstand ja wohl als dreitägiges Wochenende zu sehen sei.
Dies ist eine naive Annahme, von welcher auch Versuchsobjekt 15GG anfangs überzeugt war.
So rechnete ich mit manischen Schreibflashs, sowie geistigen Entfaltungen. Jedoch wurden die Kreise des Georgs immerzu gestört: Testbattery! Lunch! Testbattery! Dinner! Testbattery! Lunch! Testbattery! Testbattery! Testbattery! Breakfast! Elektroden ankleben! Schlafen! REPEAT REPEAT!
Gravierender noch war das Setting. Einige vertraute Menschen scheiterten schon an der Tatsache drei Tage lang kein Fenster zu haben - Klaus Klaus Klaus... -, wohingegen mir am meisten die trockene Luft zu schaffen machte. Um die Trockenheit meiner Augäpfel, meines Rachens zu vertreiben und aus Langeweile trank ich pro Wochenende bis zu zehn Liter Wasser, weshalb ich, mich fühlend wie ein alter Mann, jede Nacht von Onkel Harndrang geweckt wurde.
Stellt euch, liebe Leser, das Ambiente vor wie auf einem Langstreckenflug.
Man hätte zwar theoretisch wunderbar viel Zeit zum Lesen, Blockbuster gucken, Gesprächeführen, aber binnen weniger Stunden frisst einen die Lethargie, Licht, Luft, Essen, Menschen alles ödet einen an. Die Welt befindet sich in einem Unwirklichkeitsstatus, welcher doch bitte so schnell wie möglich vorübergehen soll.
Ironischerweise wurde im Lab nach jeder Testsession flugzeuglike ein Wägelchen mit Snacks durch den Korridor gefahren.
Sich in diesem Flugmodus befindlich, durchläuft man eine zwar schleichende, doch drastische Entwicklung.
Am Anfang ist man hochmotiviert, schreibt, macht sich sinnvolle Gedanken und ließt - habe tatsächlich einen Matthew Reilly Roman beendet und 7 Kapitel Bibel gelesen -.
Auch die Testreihen sind ein Klaks:

1. Fragebogen bezüglich des momentanen Befindens + Selbsteinschätzung
2. 90 sec Ziffernfolge in Symbole übersetzen
3. 05 min simple Rechenaufgaben
4. 10 min Reaktionstest

Ich musste übrigens überraschenderweise feststellen, dass meine Reaktionszeit ausgezeichnet ist.
Später, wenn man langsam aber sicher von Klimaanlagenluft und dem Krankenhauslicht zermürbt wird, geht man zwangsläufig zum Durchballern der immensen Film- und Serienauswahl über.

Schließlich, sobald einen selbst die immer gleichen, wenn auch recht guten, Mahlzeiten nicht mehr erquicken können, muss man das bewegte Bild im Stehen genießen um nicht wegzuschlummern; ein anderer Teilnehmer machte, als er am zweiten Wochenende, wie auch ich, in einem der zwei Räume hauste, deren Zeitplan drei zusätzliche Stunden des Am-Stück-Wachseins vorsieht, eine geraume Zeit einen Handstand gegen die Wand. Zu guter letzt helfen gegen die Müdigkeit, zumindest in meinem Fall, nur noch elektronische Musik, Seifenblasen und die einzige noch funktionierende Hirnaktivität, wilde Träumereien. Der Reaktionstest entwickelt sich zur ewigen Sekundenschlaftortur, die Eigenarten der Mitmenschen machen aggressiv,man ist extrem lärmempfindlich (außer auf die eigene Musik bezogen). Irgendwann erlöst einen das bequeme Bett.

Nachdem die fünf anderen Testpersonen, 1 finnischer Backpacker, der davon überzeugt war, dass wir alle in der letzten Schlafperiode vergast werden, 2 australische Studenten, 1 taiwanesischer Student, 1 arbeitsloser indischer IT-engineer und ich Montagnachmittag wie Motten
dem Licht entgegen geirrt waren und die Heimreise angetreten hatten, versprühte ich die Wochentage über auf der Farm das reine Leben.
So vermochte ich es durch die zwangsläufig doppelte Dosis des alltäglichen Georgseins: passioniertes trommeln, rumschreien, durch die Gegend springen etc. Leons Freude über das Schwinden der Einsamkeit zeitweise in den Wunsch nach eben dieser umzuwandeln.
Man will immer was man nicht hat und wenn mans hat ists langweilig.
Trotzdem verbrachten wir eine angenehme Zeit mit wenig Arbeit, zumal wir fünf Tage sturmfrei auf der Farm hatten, sowie viel Sport. Zum Beispiel spielten wir Schutzbrillen tragend mit ranzigen Eiern Tennis. Auch weitere Indizien für unsere Dorftrottelwerdung wie ein vulgärer Chauvislang, welcher ursprünglich nur gegen zu zerhackendes Unkraut gerichtet war, sich nun aber auch in den Freizeitsprachgebrauch durchgetragen hat, erfreuten uns.


 Im Großen und Ganzen muss ich jeden Tag über mein wahnsinniges Glück grinsen.
Die anspruchsvollsten Aufgaben an meinem Arbeitsplatz sind das Entscheiden welchen Film ich mir auf meinem eigenen Flatscreen als nächstes ansehen sollte und ob ich Eis oder lieber Joghurt als Nachtisch hätte.
Für das Lösen dieser verstörenden Fragen, dieser weltbewegenden Probleme bekomme ich dann nach Abschluss der Studie sage und schreibe 1.500$, welche ich nicht versteuern muss, da es sich um Vergütung von volountairy work handelt.
Bis dato hat mich die Reise inklusive Tickets fürs Future Music, dafür exklusive Flug, weniger gekostet als eben genannter Betrag, was größtenteils daran liegt, dass wir sehr viel gewwooft haben.
Meine Reisekasse ist also praller denn je!

Nun wo ich wieder ein Leben habe, wollen wir so schnell wie möglich weiterziehen. Wir, vorallem der einsame Kameramann, waren eindeutig viel zu lange auf der Farm und auch die liebgewonnene Stadt drückt uns immer stärker aufs Gemüt.
Mal überlegen, was könnte man sich mit dem erwirtschafteten Ertrag der "Arbeit" und des Sparens kaufen, in diesem weiten großen Land...
Pläne stehen, doch erstmal ist ein erholsames, delikates Weihnachtsfest angesagt.

Genießt und geht wach durchs Leben, bleibt gespannt wie ich!

Stößchen

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