Frieden in Verdun

Ja ihr habt richtig gelesen!

Wir leben in einem Örtchen, in dem wohl niemandem die Namensvetternschaft zu einem gewissen, nicht ganz unwichtigen Kriegsschauplatz bewusst ist.
Hinzukommt, dass hier, wie könnte es anders sein, Wein angebaut wird, während sich in Geschützreichweite (30 min Marsch über den nächsten Hügel) Hahndorf, die älteste deutsche Siedlung des Landes, befindet, ein Klischeedeutschlanddorf mit Shutzenfest, Lederhosen, Bratwurst, Sauerkraut und freilich literweise Hofbräu und Becks (12$ das Pint - lol), in welche auch mein Kamerad und ich eines freien Tages, "Das Wandern ist des Müllers Lust" pfeifend im Stechschritt einmarschierten.
Dort kollaborierten wir allerdings nicht mit der Tourismusindustriemaschinerie, sondern stellten unseren Nachschub ausschließlich in einem gemeinnützigen Vintageladen sicher, in dem wir zwei Pullis und eine Kamera inklusive Film für 14 dollars ergatterten.
Ich weiß, ich weiß, wenn man nicht so ganz geschichtsbesessen ist, mag einen diese Einleitung wohl eher verwirrt und/oder gelangweilt haben, doch mir zaubert die geographische Lage und Namensgebung der Position unseres Zwei-Mann-Batallion jeden Tag erneut ein Lächeln ins Face.

Süzzwasser?


Zum Thema: http://ggstorm.tumblr.com/post/34743105387/stalingrad

Aber nun zu unserer Behausung, sowie Berufung. Wir wwoofen erneut; diesmal at "Sandow's End", einer kleinen privaten Farm, welche aus dem großen Haus der Besitzer, viel Garten, etwas Wald, einem kleinen Weinberg und zwei Hütten, die als Unterbringung für Wwoofer fungieren, besteht.
Wir haben sicherlich erneut großes Glück gehabt hier zu landen, denn es geht uns gut hier.
Aus hedonistischer Perspektive hat dieser Ort wirklich alles zu bieten: Einen beheizten Pool, von wo aus man mit etwas Glück Koalas beobachten kann, Tenniscourt, Platz für bis zu sechs Wwoofer, eigene Küche, Wifi, Flatscreen + DvD-Player und Filmsammlung, sowie täglichen Besuch von Kängurus. Ich darf sogar die Drums und Gitarren eines der vier Söhne im Alter zwischen 10 und 20 benutzen, sodass ich, da hier sogar zwei Tage pro Woche frei von der fünfstündigen Arbeit sind, welche zumindest mir sehr gut von der Hand geht, da der Weinanbau viel mehr ein Hobby als die Lebensgrundlage der Familie zu sein scheint "Jaa die letzten vier Jahre ist uns die Ernte irgendwie eingegangen naja.", mich in einer ziemlich produktiven, ausgelassenen Stimmung wiederfinde.
Die Kehrseite des ganzen ist jedoch, dass man hier eben nur Arbeitskraft ist. Von Besuchern wird man nach Möglichkeit ferngehalten und auch das Herrenhaus betritt man in der Regel nur zum Qualitätsdinner.
Diese Hauptmahlzeit des Tages wird von seichter Backpackerkonversation begleitet:
"How long have you been in Australia?"
"What are your plans?"
"Hot day, isn't it?"
"How will you guys celebrate Christmas?"
"Oh goon, naaaw goon"
...
Trecker fahren Brumm Brumm

Kein Vergleich also zu den Ausflügen, gemeinsamen Fernsehabenden, der offenstehenden Speisekammer, dem stundenlangen Deep-Talk auf der Hidden Farm.
Selbst als Arbeiter fühlen wir uns nicht richtig ernst genommen, da meistens zusätzlich noch ein wechselnder Supervisor über das Gut turnt, was uns kühl betrachtet, natürlich Arbeit abnimmt.
Vielleicht sind wir einfach auf der Suche nach MORE.
Was uns allerdings wirklich etwas beunruhigt hat, ist der Umstand, dass in unserem Quartier vier große Schubladen mit abgelaufenen und wahllos geöffneten und abgelaufenen, wahllos geöffneten Lebensmitteln gefüllt sind, was "das Management" nicht zu interessieren scheint.
Wir, mittlerweile immer sofort völlig am ausrasten, wenn irgendetwas verschwendet wird, vorallem Nahrung, konnten den Anblick dieses Nährstoffgrabes nicht ertragen und fühlten uns wie Robin Hood und Peter Pan und auch ein wenig wie Ghandi als wir mit dem noch Verwertbaren unseren Reiseproviant auffüllten.

Unterm Strich haben wir also eine paradiesische Zeit mit einer süßlichen Note Rebellion.
Es vergeht kein Tag ohne Schreiberei und fuck yeah wir erfüllen uns nicht nur unsere präsenten Träume wie absolute Freiheit, sondern auch solche aus Kindestagen.
Wir können jetzt Trecker fahren. Außerdem hab ich auf meinen ersten Olli gestanden - niedlich niedlich - , was natürlich nicht all zu schwer ist. Der Unterschied ist, dass sich hier einfach die Zeit für so was findet, nimmt man sich halt mal das Board und eiert über den Tenniscourt.

Diese Zeit teilen wir by the way mit einem netten schwedischen Musterpärchen: Bär von einem Mann, hübsches Mädel, H&M Kleidung oder zumindest welche in dem Stil, gutes Englisch, sexliebend.
"Sexliebend ist untertrieben." - Zwischenruf von Leon Woermann

 
Fischpaste for Breakfast viva la Ikea

Schwubdiwup sind so auch schon wieder zwei Wochen vergangen. Irgendwie haben wir es mit dem Landleben.
Nun manifestieren sich allerdings finally nach einem Monat in und um Adelaide langsam aber stetig die nächsten großen Schritte, denn auch, wenn man in dieser Art Lebensentwurf jeden Tag seine Pläne ändern kann, will, muss, gibt es immer wieder einige Großchancen und Konstanten, welche allerdings Wartezeit beanspruchen.
Wie zuletzt in einigen Konversationen bereits gesneaked, winkt mir nun wohl so eine Möglichkeit, in deren Rahmen ich ein wenig Geld verdienen kann. Auch wenn Leon und ich uns dafür zumindest vier Tage die Woche trennen müssen, könnt ihr mich Georg Bleibtreu nennen, denn ich werde an einem Experiment  teilnehmen; genauer gesagt einer Schlafstudie, in deren Ablauf ich mich von Freitagmorgen bis Montagnachmittag in einem Schlaflabor befinden werde.
Dort muss ich zwei Nächte in Folge, allerdings mit einer großen Portion Schlaf dazwischen, wachbleiben. Mein Schlafrhythmus wird also vollends manipuliert, was dadurch sichergestellt wird, dass ich weder Zugriff auf Kommunikationsnetze habe, noch auf irgendeine Art von Zeitmessgerät. Auch habe ich in meinem Versuchszimmer kein Fenster.
Ich werde sehr viel Zeit haben um mich mit Dingen zu beschäftigen, für die ich in der Regel keine Zeit aufbringen kann und bin schon ein wenig aufgeregt was sich so in meinem Kopf zusammenbrauen wird, denn ich habe außer ein paar Reaktionstests und Wohlseinsabfragungen nichts zu tun, während ich Versuchskaninchen spiele.
Veranstaltet wird das Ganze von der Universität South Australia und es gibt fünf weitere Testpersonen. Herr Photograph wurde leider, wir wissen nicht warum, abgelehnt.
Als Vorbereitung für die Studie führe ich nun bereits seit zwei Wochen einen gediegenen Acht-Stunden-Schlafrhythmus durch, welchen ich auch innerhalb meiner freien Tage, welche ich hoffentlich weiterhin auf der Farm verbringen kann, bis zum 16. Dezember (Ende der Studie) beibehalten werde. Außerdem ist mir der Konsum von Kaffee und Alkohol in diesem Zeitraum untersagt.

Schade Hahndorf, doch ich brachte mein Pfund selbst mit.

Weil ich dementsprechend sowieso vier Tage die Woche auf Facebook nicht verfügbar bin, habe ich mich dazu entschlossen meinen Socialmediakonsum für die gesamten kommenden zwei Wochen bis zum Montag, den 16. Dezember einzustellen, was ich ,um ehrlich zu sein, wohl auch mal bitter nötig habe. Natürlich nicht weil ich von euch genervt bin oder etwa niemanden vermisse, sondern einfach weil ich davon überzeugt bin, dass es mal eine gute Erfahrung für meine rastlose Seele wird.
Ich fände es dennoch ungemein liebenswert, wenn ihr mich mit Updates, Geschichten, Gossip, Liebe...auf dem neusten Stand halten würdet. Für Notfälle könnt ihr ja immer lonely Leon kontaktieren. Dieser kann auch als Notar für Wetten fungieren, wobei er selber nicht daran glaubt, dass ich den kalten Facebook-Entzug schaffe.

Wenn ich wieder komplett in dieser Welt lebe, werde ich unter Einfluss von vermutlich vier Kannen Kaffee, ausführlich von meinen Erfahrungen, neuen Plänen und Sonstigem berichten.

Peace

Keine Kommentare: